Dallas – oder wie eine Stadt sich verkauft

Von Dieter Buhl

So ähnlich muß eine Fata Morgana auf den Wüstenwanderer wirken. Dallas: Der Fremde nähert sich aus der Tiefe der Prärie. Kein Baum, kaum ein Strauch verstellen den Blick. Er sieht das Gespinst der Betonpisten, das brutal die Landschaft durchwebt und das Zentrum einbindet. Eine Spinne im Netz der Highways, so erheben sich zwei, drei Dutzend Wolkenkratzer in den weiten texanischen Himmel. Das ist Dallas. Aber ist das die "Stadt der Zukunft", die die Einwohner pausenlos preisen? Ist das die "Stadt des Hasses", die die Menschen in aller Welt noch lange nach John F. Kennedys Tod verachteten? Wo verbirgt sich der Nimbus von Reichtum und Glanz, von Macht und Dynamik, den so viele Amerikaner bewundern? Worauf schließlich gründet die Legende, die die unsägliche Fernsehserie seit Jahren weltweit verbreitet?

Auch eine Stadtrundfahrt hilft nicht bei der Suche nach dem . Geheimnis von Glanz und Glamour. Schnell stellt sich vielmehr heraus: Drei Stunden durch Dallas und um Dallas herum sind weder ein Vergnügen noch ein erhebendes Erlebnis. Was die freiwillige Fremdenführerin aus der besseren Damengarde voller Heimatstolz vorführt, wirkt oft eher rührend als imposant, die Attraktionen langweilen mehr, als sie Deeindrucken.

Dem Erfolg verschworen

Potemkin tief im Herzen von Texas? Die Vororte sind nicht schmucker als die anderer amerikanischer Großstädte; die Slums an den Rändern der City haben eher noch weniger Charme als anderswo; die Monumente der abgeschriebenen Schornsteinindustrie verrotten in die gleiche Trostlosigkeit wie in Pittsburgh oder Youngstown; die Superlative der eifrigen Dame – "die größte Ansammlung von Art-deco-Gebäuden, die schönste Stadtrenovierung" – wecken mehr Zweifel als Überzeugung.

Ob denn das Zentrum erklärt, warum die Einwohner den Gast mit schöner Regelmäßigkeit fragen: "Ist sie nicht wunderbar?", die Stadt, von der zu schwärmen offenbar erste Bürgerpflicht ist? Der Enthusiasmus überträgt sich nur schwer. Gewiß, ein paar der Hochhäuser fallen aus dem architektonischen Rahmen; ihre Glasfassaden glänzen, als wollten die Dallas-Texaner ihr übergroßes Ego darin spiegeln. Auch ein paar winzige Parks verleihen dem Stadtprofil etwas originellere Züge. Aber wo erheben sich die Kathedralen des Bürgersinns, die steinernen Danksagungen für den ungeheuren Reichtum, der sich hier angesammelt hat? Wo sind die Straßen zum Flanieren, die Avenuen, die zum Bummeln einladen?