Unsere Pädagogen machten Vorjahren die Mengenlehre zu einer Heilslehre – und damit zu einem Flop

Es klang wie ein Ruf aus lang vergangener Zeit. Die Nachrichtensprecherin verkündete, in nordrhein-westfälischen Schulen soll die Mengenlehre abgeschafft werden. Da fragten sich viele Fernsehzuschauer: "Mengenlehre, gibt’s die denn noch?"

Erinnerungen wurden wach, an Elternabende, bei denen uns Mathelehrer beizubringen versuchten, was sie selbst gerade erst im Fortbildungskurs gelernt hatten: das Rechnen mit Mengen. Volkshochschulen verbuchten einen enormen Zulauf von Eltern, die ihren Kindern nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen konnten. Es hagelte Proteste von Pädagogen aus theoretischen Gründen und von Müttern aus sehr praktischem Anlaß: Sie konnten den zwölfjährigen Sohn nicht zum Einkaufen schicken, weil er unfähig war, nachzurechnen, ob ihm der Kaufmann genug Geld herausgegeben hatte. In den Medien nahm die Diskussion über den neuen Unterrichtsstoff soviel Platz ein wie heute der Computer, und Kabarettisten freuten sich über ein populäres Thema.

Nach einer Weile aber wurde es still um die Mengenlehre; bald hatten viele von uns das Gefühl, sie habe inzwischen wohl das Zeitliche gesegnet. Tatsächlich lebt sie allerorten in den Klassenzimmern fort, freilich eher vegetierend neben dem wieder erblühenden Rechen: und Mathematikunterricht herkömmlicher Form. Nun soll sie im größten Bundesland der Gnadentod ereilen.

Schuld an dem pädagogischen Flop sind die Russen gewesen. Sie nämlich hatten vor 27 Jahren Sputnik ins All geschossen und damit James B. Conant in Harnisch gebracht. Der Chemiker, Jurist und Diplomat Conant – in jenen Tagen war er Botschafter der USA in Bonn – hatte sich in einem Buch bitter darüber beklagt, daß die amerikanischen Schulkinder zu wenig Naturwissenschaften lernten. Amerika werde zum technischen Entwicklungsland verkümmern, unkte der Gelehrte. Aber niemand hörte auf ihn. Erst als der erste Kunstmond seine Bahnen am Himmel zog, und es war ein sowjetischer, fragte sich Amerika entsetzt, warum seine Ingenieure so schändlich versagt hätten. Und Doktor Conant sagte gallig: "Siehste".

Plötzlich schwang sich das schon etwas betagte Buch des Professors zum Bestseller empor, und landauf, landab hallte es wider: "Wir müssen schleunigst die Schulen reformieren." Das hörten die Mathematiker im Lande gern. Sie hatten sich zehn Jahre zuvor nach endlosem Debattieren auf eine moderne Form des Matheunterrichts geeinigt, aber niemanden sonst dafür begeistern können. Jetzt brauchten sie nur in die Schublade zu langen. Hervor zogen sie New Math.

Neu war an dieser "Neuen Mathematik" die möglichst frühe Gewöhnung an den Umgang mit abstrakten Begriffen. Das sollte schon im Kindergarten beginnen, wo kleine Amerikaner das Zählen und schon ein bißchen Rechnen lernen. Spielerisch wurde den Kleinen das zentrale Konzept der modernen Mathematik, die Menge, beigebracht, mit Klötzchen, Buntpapier und Scnere. Beim Ringelreihen waren die Kinder bald nicht mehr Prinzessin oder Bettelmann, sondern Elemente von Mengen. Das Rechnen in der Schule ergab sich aus den schon eingewöhnten Mengenvorstellungen, dann ging es weiter mit Gruppen, Zahlkörpern, topologischen Räumen. In der n-dimensionalen geistigen Heimat der neuen Schülergeneration verkümmerten der von Mathematiklehrern so innig geliebte Lehrsatz des Pythagoras zum mickrigen zweidimensionalen Spezialfall.