Wie Beate H. im Knast ihr Kind bekam

Von Klaus Pokatzky

West-Berlin

Als der kleine Manuel, 2510 Gramm schwer und 49 Zentimeter groß, am 20. Oktober um 0.48 Uhr das Licht dieser Welt erblickte, hatte seine Mutter Beate H. eine wahrlich schwere Geburt hinter sich. Ein Gericht hatte schon zehn Tage vorher entschieden, daß der Säugling nach der Geburt seiner Mutter weggenommen werden solle, und während der Wehen wurde Beate H. eine Zeitlang mit Handschellen ans Bett gefesselt.

Beate H. ist Insassin der Frauenanstalt Lehrter Straße in Berlin-Moabit. Sie wurde vor einem Jahr wegen räuberischer Erpressung zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren verurteilt. Die Umgangsformen der Berliner Justiz dem Säugling Manuel H. und seiner 36jährigen Mutter gegenüber werden demnächst einen Ausschuß des Abgeordnetenhauses beschäftigen. Dem katholischen Gefängnispfarrer Michal Longard, der die Katholikin Beate H. seit ihrer Untersuchungshaft vor drei Jahren betreut, sind sie ein Beleg dafür, "wie die Empfindsamkeit für Menschlichkeit und Wärme bei uns völlig verlorengegangen sind".

Die Geschichte der Beate H. und ihrer Familie gibt Stoff für einen Krimi her – oder für eine Sozialtragödie. Vor Jahren aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt, sind sie, wie ihre Rechtsanwältin Renate Neupert erzählt, "hier mit dem Leben nicht zurechtgekommen". Haben Kredite aufgenommen, konnten die Schulden nicht zurückzahlen. Wegen Scheckbetrügereien gesucht, waren Beate H. und ihr Mann mit ihren beiden ersten Kindern unter falschen Namen auf der Flucht. Erst lebten sie noch, so die Anwältin, "ganz friedlich in einem Dorf in der Lüneburger Heide"; dann, als man ihnen auf die Spur kam, setzten sie sich in die Schweiz ab.

Dort überfielen sie ein Postamt und ein Postauto. Beute: etwas über 2000 Schweizer Franken. Sie wurden gefaßt und in Berlin verurteilt; Beate H. als Haupttäterin, ihr Mann zu acht Jahren – wegen Betruges in neun Fällen, davon in zwei Fällen in Tateinheit mit Urkundenfälschung, wegen räuberischer Erpressung, wegen Raubes und versuchten Raubes. Erschwerend wurde gewürdigt, daß sie beim Rauben bewaffnet waren; und Volker Kähne, der Sprecher des Berliner Justizsenators, betont, daß sogar der 14jährige Sohn Torsten bewaffnet gewesen sei: "Das zeigt die potentielle Gefährlichkeit, die von dieser Frau ausgeht."