Von Hermann Bößenecker

Mit der ihm eigenen Direktheit kommt Professor Wolfgang Kartte, der Präsident des Bundeskartellamts in Berlin, auf den Kern der Dinge zu sprechen: "Wir haben noch kein Unternehmen durch eine Entscheidung ruiniert." Die Rede ist von der Münchner Flick-Firma Krauss-Maffei AG, die gegenwärtig feilgeboten wird, weil Konzernchef Friedrich Karl Flick sich aus guten Gründen von ihr trennen will. Die Integration des Rüstungskonzerns in einen anderen Unternehmenskomplex wirft jedoch kartellrechtliche Fragen auf.

Gewiß ist Krauss-Maffei, wie Kartte hervorhebt, "kein Sanierungsfall". Aber auch er und seine Mitarbeiter können sich wohl den Argumenten derer nicht verschließen, die für Krauss-Maffei in den nächsten Jahren schwere Zeiten voraussehen. Pessimisten glauben gar, daß an die tausend der rund 4800 Arbeitsplätze vor allem in den zivilen Produktbereichen gefährdet sind. Aber auch die Wehrtechnik, der rar Umsatz und Ertrag bei weitem dominierende Geschäftszweig, ist nicht ohne Probleme: 1987, wenn die Montage des Kampfpanzers Leopard II für die Bundeswehr ausläuft, droht ein Auftragsloch. Schon 1984 wird der Umsatz, der im vergangenen Jahr mit 2,25 Milliarden Mark der höchste in der Firmengeschichte war, wieder abbröckeln.

Wohl und Wehe der einstigen Lokomotivfabrik Krauss-Maffei hängen heute am Panzer – und es führt kein Weg an der Einsicht vorbei, daß eine Flick-Firma in Zukunft mit weiteren Panzeraufträgen aus Bonn nicht rechnen kann. Flick ist keine "Adresse" mehr. Die Konkurrenz wartet in Kiel, wo die Krupp-Tochter Krupp MaK Maschinenbau GmbH bereits bisher mit rund 45 Prozent an der Montage des "Leo" beteiligt ist.

Deshalb macht sich auch der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß für eine rasche Entscheidung über Krauss-Maffei stark. Strauß und die meisten anderen Kenner der Situation sind der Meinung, eine Anbindung an den Luft- und Raumfahrtkonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH (MBB) in Ottobrunn bei München wäre für Krauss-Maffei die beste Lösung. Dem MBB-Chef Hanns Amt Vogels, früher als Flick-Manager jahrelang Aufsichtsratsvorsitzender der Panzerschmiede, traut man am ehesten zu, deren Strukturprobleme in den Griff zu bekommen und durch Technologie-Hilfe die traditionsreiche Firma zu stabilisieren.

MBB hat bereits heute mancherlei Verbindungen zum Panzerbau. Das Tiefflieger-Abwehrsystem Roland wird mit einem Panzerfahrzeug kombiniert (das Thyssen-Henschel montiert). Bei der Entwicklung von Flugkörpern zur Panzerabwehr hat MBB auch intensiven Kontakt mit dem größten deutschen Panzerbauer gehabt. Für die Kunststoffmaschinen von Krauss-Maffei, die aussichtsreichste zivile Sparte, könnte MBB ebenfalls Anknüpfungspunkte bieten. Mit Rotorblättern aus Kunststoff hat man hier große Erfahrung. In der Verkehrstechnik, beim allerdings nach wie vor skeptisch beurteilten Schnellverkehrssystem Transrapid, arbeiten Krauss-Maffei und MBB ohnedies schon seit langem zusammen.

Doch die Aussicht auf eine Liaison des größten deutschen Flugzeugbauers mit dem führenden Panzerhersteller hat schon früh die Bonner Rüstungsplaner alarmiert. MBB wurde zum Rüstungs-Moloch, der die Bundeswehr zu Lande, zu Wasser und in der Luft bewaffnet. Das löste Ängste aus. Auch wenn die Vorstellung naiv sein mag, MBB könne dann die Waffenpreise "diktieren": Die Abwehrhaltung gegen einen quasi-Rüstungsmonopolisten MBB ist gewiß berechtigt.