Von Jost Nolte

Das ostpreußische Nemmersdorf, südlich von Gumbinnen, lag bis zum Sommer 1944 weitab vom Krieg. Eine russische Großoffensive vom 22. Juli jenes Jahres störte die Menschen dort jäh auf. In wenigen Wochen zerschlug die Rote Armee dreißig deutsche Divisionen-und rückte vom Dnjepr bis zur Weichsel vor. Ostpreußen war nun unmittelbar bedroht. Den meisten Menschen in der Provinz blieb noch eine Gnadenfrist bis zum Januar 1945. Die Bewohner der Landstriche nahe der Grenze ereilte das Schicksal schon im Oktober 1944. Es traf sie hart.

Die Soldaten der Roten Armee zahlten ihnen gnadenlos die Verbrechen heim, die Deutsche auf Befehl und im Namen Hitlers in Rußland begangen hatten. Die Rache mochte Unschuldige treffen, aber die Rotarmisten hatten die Bilder des Unheils in den Köpfen und in den Herzen, das länger als drei Jahre ihre Heimat verheert hatte.

Dieses unsägliche Unheil, soviel ist richtig, war befohlen und alles in allem in mörderischem Gehorsam verübt worden. Alles in allem in deutscher Disziplin. Die Rache jetzt war dagegen die wilde Rache von Menschen, die nach Vergeltung für ihr eigenes Leiden und für die Leiden ihrer Angehörigen und ihrer Landsleute dürsteten.

Unrecht gegen Unrecht aufzuwiegen, ist heute so müßig wie 1944 oder 1945. Damals war die Moral der Völker aufgehoben. Das Gewissen des einzelnen war eine andere Frage. Es gab, dies darf nicht vergessen werden, auch in den ersten Tagen der Rache sowjetische Soldaten, die ihrem Gewissen gehorchten. Die anderen aber diktierten, von den ersten Tagen an, mit ihren Untaten den Begleittext zum Untergang der deutschen Ostprovinzen, und sie leisteten, auch dies ist ein Tatbestand der Zeitgeschichte, der deutschen Durchhalte-Propaganda Vorschub. Deutsche und Russen bezahlten dafür mit Leiden und Tod.

Die deutsche Propaganda schlachtete aus, was in Nemmersdorf und in anderen Orten Ostpreußens geschehen war – Szenen wie diese, die später ein Volkssturmmann schilderte, der mit seiner Kompanie in das wiedereroberte Nemmersdorf gekommen war: "... Am Dorfrand... steht auf der linken Straßenseite ein großes Gasthaus ‚Weißer Krug‘, rechts davon geht eine Straße ab, die zu den umliegenden Gehöften führt. An dem ersten Gehöft, links von dieser Straße, stand ein Leiterwagen. An diesem waren vier nackte Frauen in gekreuzigter Stellung durch die Hände genagelt. Hinter dem‚Weißen Krug‘ in Richtung Gumbinnen ist ein freier Platz mit dem Denkmal des Unbekannten Soldaten. Hinter diesem freien Platz steht wiederum ein großes Gasthaus "Roter Krug’. An diesem Gasthaus stand längs der Straße eine Scheune. An den beiden Scheunentüren waren je eine Frau, nackt in gekreuzigter Stellung, durch die Hände genagelt. Weiter fanden wir dann in den Wohnungen insgesamt 72 Frauen einschließlich Kinder und einen alten Mann von 74 Jahren, die sämtlich tot waren, fast ausschließlich ermordet bis auf nur wenige, die Genickschüsse aufwiesen ..."

Beim Studium von Quellen dieser Art kommt unweigerlich der Augenblick, in dem jeder Versuch, auf Ursachen und Zusammenhänge zu verweisen, zum Scheitern verurteilt scheint. Menschliches Leiden tritt uns elementar entgegen, und die Argumente drohen zu versiegen. Gerade darum aber muß es heute gehen: Ursachen und Zusammenhänge zu sehen und Argumente zu finden, die es erlauben, mit dieser Vergangenheit zu leben, ohne sie zu leugnen. Die Kritik der Quellen muß am Anfang stehen.