Neue Pein für einen geplagten Präsidenten: Kann Mitterrand den Bürgerkrieg in der französischen Kolonie Neukaledonien abwenden?

Eine unruhige Insel im Stillen Ozean, östlich von Australien und genau 16 743 km von Paris entfernt: Die einheimischen Melanesier – sie nennen sich Kanaker – lernten 1774 den britischen Entdecker James Cook und seit 1853 die rüden französischen Kolonisten kennen: Zuchthäusler und Revoluzzer, die nach dem Aufstand der Pariser Kommune von 1871 dorthin verbannt worden waren.

Nach Neukaledonien wanderten aber auch in jüngerer Zeit 6000 Franzosen aus, die das "Nickel-Fieber" gepackt hatte: Nur die UdSSR, Kanada und Australien produzieren mehr Nickel als die Inselgruppe, die gerade zweimal so groß ist wie Korsika. 1978 stürzte Neukaledonien tief in die weltweite Nickel-Krise.

Nun brach die ausweglose politische Krise aus. Während radikale Kanaker die sofortige Entlassung ihrer Inseln in die Unabhängigkeit fordern, wollen die alteingesessenen Franzosen davon nichts wissen. Doch im Unterschied zu üblichen Entkolonisierungskonflikten sind die mißliebigen, privilegierten Kolonialherren nicht in der Minderzahl: Den 60 000 Kanakern stehen fast gleich viele "Europäer" gegenüber, die obendrein auf die Unterstützung anderer, kleinerer Volksgruppen zählen.

Weil die Bevölkerungsmehrheit nach wie vor für den Verbleib bei Frankreich eintritt, rief die radikale Front de liberation nationale kanak socialiste zum "aktiven Boykott" der Territorialwahlen am 18. November auf: Straßen wurden blockiert, Rathäuser angezündet, Wahlurnen zertrümmert. Eine Gruppe von 17 Aktivisten hatte zuvor während eines "Schulungsaufenthalts" in Libyen das Handwerk gelernt.

Die Extremisten unter ihnen feierten es als Erfolg, daß die Wahlbeteiligung von 73 auf 50 Prozent fiel. Die Weißen triumphierten ebenfalls, weil die Frankreich-treuen Gaullisten 34 von 42 Sitzen in der Territorialversammlung eroberten. Enttäuscht darüber waren nicht zuletzt die regierenden Sozialisten in Paris. Sie haben nun viel Verständnis für die Forderung der sozialistischen Kanaker-Befreiungsfront nach Annullierung der von ihr sabotierten Wahlen.

Die Aufständischen, die außer der "weißen" Hauptstadt Noumea bald das ganze Land kontrollieren, wollen freilich Mitterrand Dampf machen. Sie bildeten eine "provisorische Regierung", nahmen einen Unterpräfekten gefangen, zündeten das Haus eines Ministers an, besetzten Polizeistationen, beschossen und verletzten vier Polizisten. Die Befreiungsfront weiß, daß sich Paris keinesfalls dem Vorwurf des "Neokolonialismus" aussetzen möchte. Hart zurückschlagen wird die Kolonialmacht also nicht; sie hat ja auch die Wahlsaboteure weitgehend gewähren lassen.