Zwei Dinge klemmt sich der Pariser mit Vorliebe unter den Arm: die frische baguette und die druckfrische Abendausgabe von Le Monde. Beide verzehrt er, meist noch auf dem Heimweg, mit Genuß. Knusprig ist es allemal, das langgezogene Brot. Le Monde hingegen ist zuweilen doch etwas trocken und schwer verdaulich.

Jedenfalls gehört es derzeit zum guten Ton, schlecht über das siechende Weltblatt zu sprechen. Das tun alle: jene, die Le Monde lesen; andere, die Le Monde nicht mehr lesen; natürlich solche, die Le Monde nie gelesen haben; schließlich aber auch manche, die in Le Monde schreiben.

Nun ist der altehrwürdigen, aber in den Augen der Bankiers nicht mehr kreditwürdigen Institution großes Glück widerfahren: Zu Wochenbeginn verhinderte erstmals in 40 Jahren ein Streik der Angestellten das Erscheinen von Le Monde. Und plötzlich merkte man: Paris ohne Le Monde ist wie der Eiffelturm ohne Touristen, der Louvre ohne Bilder und Pigalle ohne Straßendamen. Im Nu wich die Schadenfreude der allgemeinen Besorgnis. In den Ministerien wie in den Bistros machten sich Entzugserscheinungen bemerkbar.

Der selbstverwaltete, schlecht verwaltete Monde hat zwar kein Geld mehr (sondern 27 Millionen Mark Schulden), viel zu viel Beschäftigte (1250 an der Zahl, davon aber nur 180 Journalisten) und eine sinkende Auflage (in drei Jahren fiel sie um 65 000 auf 375 000), aber seit dem Streik hat die Zeitung wieder ein paar Freunde mehr. In

der Not zählt das. RoW