Die Rolle der Deutschen in der Welt ist heute nicht besonders groß. Dies gilt auch für unsere europäischen Nachbarländer. Früher gingen nichtnur politische und wirtschaftliche Macht, sondern vor allem geistige Inspirationen von unserem Kontinent aus, die in aller Welt beachtet wurden. Heute erweckt unser Zustand mit seinen Ideen ein weit geringeres Interesse. Das liegt nicht nur am geminderten politischen Einfluß. Auch unsere moralische Statur ist nicht überzeugend. Unsere geistige Befindlichkeit neigt zur Sterilität. Wir verteidigen materielle Aufbauleistungen. Wir sichern, jeder für sich, den Status quo. Man trifft in der Welt kaum Deutsche, denen die allseitige Aufmerksamkeit gilt, weil sie Charakter, Geschichtsbewußtsein und Perspektive miteinander verbinden. Es gibt leuchtende Ausnahmen. Zu ihnen zählt Marion Gräfin Dönhoff. Sie hat wie kaum ein anderer Mensch die Gabe, Erwartungen zu erfüllen, die es den Deutschen gegenüber nach wie vor in der Welt gibt. Ihre moralischen Grundsätze sind ebenso menschlich wie eindeutig. Ihr politisches Urteil hat den langen Atem der Geschichte. Die Bescheidenheit stammt aus dem alten Preußen, die Bildung aus Europa, der common sense aus der Erfahrung in der Welt.

Was sie schreibt, wird überall gelesen. Wichtiger noch ist, wie sie zu Hause zur verantwortlichen Arbeit Menschen sammelt und wie sie in allen Teilen der Welt Vertrauen bildet.

Sie hat nie ein öffentliches Amt bekleidet. Aber dort, wo in der Welt nachgedacht und nach menschlicher Qualität und gedanklicher Vernunft aus Deutschland Ausschau gehalten wird, fällt den Menschen der Name Marion Dönhoff ein. Daß sich ihr überall in der Welt die Türen öffnen: wie gut für uns Deutsche.

La comtesse rouge. Oder: Ein Hauch von Tauroggen. So rot ist sie ja gar nicht, oder besser gesagt: So rot ist sie nun auch wieder nicht; dieses Adjektiv bekam man leicht an- und umgehängt hierzulande, wenn man auch nur anzudeuten wagte, daß"man ja auch mit den Polen und den Russen mal reden könnte - ich lege Wert auf den Imperfekt von wagen: wagte , als der kalte Krieg seine besten Zeiten hatte; ich erinnere mich der Feindseligkeit, die uns, Richard Gerlach, Rudolf Hagelstange und mir entgegenströmte, als wir 1962 als erste offizielle Autoren Delegation, nicht nur im Auftrag, sondern auf eindringliches Bitten einer Regierung Adenauer Brentano in die Sowjetunion gefahren waren und auf dem Höhepunkt der Kuba Krise zurückkamen; der Hinweis, daß wir auf das fast flehentliche Bitten einer Regierung Adenauer gefahren waren; daß wir uns für die Außenpolitik der Sowjetunion nicht verantwortlich fühlten - das alles nutzte nichts: irgendwie - eben "irgendwie" - waren wir doch wohl "Verräter". Heutzutage gilt es nicht nur als schick, sondern es ist ein "must" (keins von Cartier), in rote Gefilde zu fahren, wo die Herren von der Industrie immer willkommener waren als irgendwelche Schriftsteller.

Die rote Gräfin hat ihr Rouge mit Gelassenheit und Würde, auch mit einer Kaltblütigkeit (jedenfalls äußerlich) getragen, um die ich sie beneidet habe. Und: Sie hat durchgehalten. Manchmal hätte ich gewünscht, sie wäre Außenministerin geworden; im Osten Deutschlands geboren, selbstverständlich "westlich orientiert" (auf eine protestantische Weise, wie die Polen auf eine katholische) - mit einem Hauch von Tauroggen, der wie ein Erröten wirken kann.

Nein, es war besser so, wie es war: reisende Publizistin und Journalistin, die als junge Frau schon zu wissen glaubte, daß sie auf den Dönhoffschen Gütern "für die Russen" baute und renovierte; und so ist es ja gekommen, was nicht hätte kommen müssen, und natürlich verstehe ich, daß es mehr als schmerzlich und bitter für sie gewesen wäre, bei der Unterzeichnung der Ostverträge (die sie doch wollte) dabeizusein. Das Rouge haftet ihr an, und es schmückt sie: Tauroegensches Erröten. So weit und soweit das möglich ist: objektiv.

Stelle ich mir vor, sie, die rote Comtesse, wäre irgendwie - wie? wie? - bei uns aufgetaucht und wäre dem traditionellen antipreußisch antifeudalen Spott ausgeliefert gewesen, meine Mutter, die so radikal wie tolerant war (ja, das gibt es), hätte sich schützend vor sie gestellt und gesagt: "Dat Mädchen kann doch nix dafür Wofür kann sie? Woher stammt ihr Rouge? Ist es doch ein Hauch von Tauroggen? Aus bester preußischer Tradition? Eine der Hauptaufgaben, die Intellektuelle zu leisten haben, ist die Verwirklichung des alten Hugenottenwortes "savoir resister" - Widerstand leisten und nein sagen können ; nicht bloß Tyrannen gegenüber, jeden Tag muß man nein sagen können.