Bei diesem Worte denke ich an Marion Gräfin Dönhoffs 75sten Geburtstag. Fast fünfzig Jahre habe ich ihren stetigen, geraden Weg verfolgen dürfen, zu Zeiten mehrerer Reiche.

Marion Dönhoff hat mit an der Spitze derer gestanden, die dem deutschen Namen nach den Jahren tiefsten Dunkels in der Welt die Glaubwürdigkeit zurückgaben.

Marion Dönhoff. Wieviel Jahre sind schon vergangen seit dem Augenblick, da ich jene schlanke Frau, deren Antlitz Ausgeglichenheit und Wohlwollen ausstrahlt, zum ersten Mal getroffen habe? Die Jahre sind unwichtig, wichtig sind die ersten Eindrücke, die ersten Empfindungen. Diese waren und blieben sympathisch, voller Achtung, Anerkennung, doch auch Neugier. Dann folgten Jahre, in denen wir gemeinsam an Konferenzen und Journalistentreffen in Hamburg und Warschau teilnahmen. Seit drei Jahren sind das andere Begegnungen, auf der einen Seite Frau Marion Dönhoff und auf der anderen ein hohes Tier r der stellvertretende Ministerpräsident der polnischen Regierung. Das sind andere Begegnungen, doch wie mir scheint - wohl nur in formaler Hinsicht, denn Gräfin Marion ist so geblieben, wie ich sie von unserer ersten Begegnung in Erinnerung habe; was mich angeht, so steht es mir nicht an, ein Urteil abzugeben.

Ich kenne keine Anekdote über Marion, doch kenne ich ihre wohl größte Leidenschaft: Osteuropa und die deutsch polnischen und die polnisch deutschen Beziehungen. Sie war und blieb Realistin bei allem, was diesen Teil Europas betrifft. Ist das rein berufliches Interesse, oder ergibt sich das aus der Geschichte des Geschlechts von Dönhoff, seiner Bindung an Polen? Vielleicht, obwohl mir scheint, daß eine solche Erklärung nicht genügt. Marion ist fasziniert von den deTitsch polnischen Beziehungen, und daher freut sie jeder Fortschritt, erfüllt sie jeder Rückschritt mit Trauer. Marion Dönhoff hat sich einen festen Platz auf der Liste jener Deutschen erobert, die die Versöhnung mit dem polnischen Volk als eines der wichtigsten Ziele ihres Lebens betrachten.

Doch noch eine andere Eigenschaft zeichnet Marion aus. Sie ist stets hartnäckig bestrebt, die Ursachen der Ereignisse und Fakten, die die stürmische Entwicklung der Welt mit sich bringt, zu verstehen. So war sie, als ich sie kennenlernte, und so ist sie mir von unserer letzten Begegnung in Warschau in Erinnerung.

Die Jahre, die vergehen, die Sorgen, die auch sie plagen, schwächen jene Eigenschaft nicht. Die Gräfin ist ständig begierig, Leute und Erscheinungen kennenzulernen, sie ist voller Wohlwollen und möchte, einen solchen Eindruck habe ich, immer noch diese unsere, voller Widersprüche stekkende Welt verändern. Sie ist dem Guten zugetan, obwohl sie weiß, daß das Böse, das auch die Gestalt menschlicher Dummheit annimmt, die Menschheit nie verläßt.

Zwei Begegnungen unter manchen. In meiner Erinnerung die wichtigsten, weil die aufschlußreichsten. Am 17. Oktober 1971 in Frankfurt. Am 31. Januar 1982 in Köln.