Es war eine angenehme Pflicht gewesen, alle ihre Bücher und viele ihrer Artikel zu lesen, um die Laudatio auf die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels vorzubereiten. Schon im Geschriebenen offenbarten sich ihre Grundeigenschaften: die Aufrichtigkeit; der Wille zu verstehen und die Intelligenz, die dies Verstehen ermöglicht; der Mut, das Verstandene ohne Provokation, aber mit Nachdruck an den Leser zu bringen. An diesem Tag - nicht nur in der Paulskirche, auch vor und nach der Feier - kam noch viel mehr hinzu, was man natürlich auch aus den Schriften herauslesen könnte, aber doch nicht so deutlich: die Bescheidenheit, die die Bestimmtheit in der Sache nicht beeinträchtigt; die Heiterkeit nicht im Sinn des lauten Lachens, sondern in dem der Lauterkeit, der inneren Ruhe, der Gelassenheit; die ständige Aufmerksamkeit den anderen gegenüber, also das Gegenteil der so weitverbreiteten intellektuellen Rücksichtslosigkeit; die Mischung von Herzlichkeit und Zurückhaltung. Beim "Frühschoppen" in Köln ging es nicht so harmonisch zu. Das Thema war Polen. Im allgemeinen streite ich gerne, gerade über Fragen, die mir am Herzen liegen. Aber da war es mir unangenehm, mich mit der verehrten Freundin nicht im Einklang zu finden. Dabei ist schließlich die Diskussion viel besser gelaufen, als ich es befürchtet hatte. Warum eigentlich diese Furcht? Ich kannte doch Marion Dönhoff. Ich wußte, daß sie bestimmt, klar, nüchtern und warm zugleich sprechen würde. Wir waren voller Ernst, wir spielten nicht, wie das so oft bei Fernsehrunden der Fall ist. Wir bekämpften uns nicht, denn jeder war von der Aufrichtigkeit des anderen voll überzeugt - und von der Ähnlichkeit des ethischen Ausgangspunktes. Fazit bei mir: eine noch größere Bewunderung für die so schöne Mischung von Gesinnungsund Verantwortungsethik. Harmonischere Zusammenkünfte sind mir natürlich doch lieber!

Was kann man Marion Dönhoff schenken? Ein bouquiniste von Piazza Fontanella Borghese in Rom hat mir (ohne bisher Erfolg zu haben) den Traue sur la tolerance von Voltaire versprochen, in der von Palmiro Togliatti Ende der vierziger Jahre besorgten italienischen Übersetzung. Er hatte damit seine Sommerferien in Champoluc im Aostatal ausgefüllt.

Ich erinnere mich noch daran - es muß bei unserer ersten oder zweiten Begegnung gewesen sein , wie ich Marion Dönhoff diese Episode erzählt habe. Auch das waren bleierne Zeiten. Nach der großen Tragödie des Faschismus, des Nazismus und des Zweiten Weltkriegs mußten die Menschen, statt endlich frei zu atmen, wieder unter einem neuen Alpdruck leben. Voltaire war keine intellektuelle KoKetterie von Togliatti, sondern sollte, in dem Augenblick, in dem eine große kommunistische Partei in Italien auf die Bühne trat, ein Hinweis darauf sein, daß diese Partei und ganz allgemein die linken Kräfte und die Volksmassen, wenn