ARD, Mittwoch, 5. Dezember, 20.15 Uhr: "Ein Kriegsende", Fernseh-Erzählung von Siegfried Lenz

Eigentlich sollte Siegfried Lenz für den NDR ein Drehbuch schreiben. Dies mochte er nicht, aber dafür lieferte er eine Erzählung ab, knapp 60 Seiten stark. Volker Vogeler machte daraus einen der eindrucksvollsten Fernsehfilme dieses Jahres. Er läßt Siegfried Lenz die Erzählung vorlesen – der Zuschauer sieht ihn nicht, hört nur seine Stimme – und setzte dazu sparsam und schlicht die entsprechenden Bilder. Zum Teil gegenläufig, – spricht Lenz vom Kapitän auf der Brücke, so sieht man die Mannschaft in ihren kleinen Räumen unter Deck –, dazu karge Dialoge, die die Schauspieler hin und wieder sprechen.

Die Handlung: der Zweite Weltkrieg geht zu Ende. Ein deutscher Minensucher verläßt seinen Heimathafen an der dänischen Küste. Ziel: Liebau in Kurland, verwundete Soldaten sollen heimgeholt werden. Unterwegs hören sie über Funk, daß die Marine kapituliert hat, Teilkapitulation gegenüber den englischen Truppen. Doch der Kapitän ist entschlossen, die Fahrt seines Bootes fortzusetzen. Die Mannschaft murrt und meutert. Der Steuermann übernimmt das Kommando, sie fahren zurück in den sicheren Hafen. Es ist die alte Parabel von der Ausweglosigkeit des Konflikts zwischen Gehorsam, der bedingungslosen Pflicht und dem, was die Vernunft aus menschlichen Gründen gebietet. Wie immer sich die Verantwortlichen auf dem Schiff entscheiden, eine klare Lösung gibt es nicht.

Die Mannschaft kehrt heim. Noch gilt, trotz Kapitulation, die Justizhoheit der deutschen Kriegsmarine. Steuermann und Feuerwerker werden als Rädelsführer der Meuterer zum Tode verurteilt und hingerichtet. "Ich blickte zum Kommandanten hinüber, der entsetzt dastand, dann, wie zur Probe, die Lippen bewegte und schließlich für alle verständlich sagte: Wahnsinn, das ist Wahnsinn. Er ging auf den Richtertisch zu, zäh, mit mühsamen Schritten, er streckte eine Hand gegen den Richter aus und wiederholte: Wannsinn; das kann doch kein Urteil sein. Der Marinerichter überging seine Bemerkung und zählte unsere Arreststrafen auf." Lenz läßt keinen Zweifel, daß für ihn dieses Urteil glatter Mord ist. Die Filbingers mögen das anders sehen.

Die Bilder, die Vogeler der Erzählung beigibt, sind schwarzweiß. Sie sind altem Archivmaterial so angepaßt, daß man glauben möchte, dieser Film ist in jenen bösen Jahren gedreht worden. "Am Ende muß alles so aussehen", schreibt der Regisseur zu seinem Film, "wie Bilder, die man sich in der Erinnerung zusammengeholt hat."

Wie werden die Zuschauer den Lenz-Film aufnehmen? Sie werden, da sie an action gewöhnt sind, an Farbe, an eine sich überschlagende Dramaturgie, hier vielleicht nicht durchhalten. Es mag ihnen alles zu ruhig sein, zu verhalten, zu wenig aufregend. Dabei ist es ein aufregender Film, der einen nicht unbeteiligt läßt. Literatur im Fernsehen, hier scheint ihre Umsetzung geglückt. (Siegfried Lenz’ Erzählung "Ein Kriegsende" ist im Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, erschienen; 63 S., 18,– DM)

Hang von Kuenheim