Wenn einigen Naturwissenschaftlern gelegentlich bescheinigt wird, daß sie ihre Gedanken auch für ein größeres Publikum in eine gefällige Form zu bringen vermögen, so schwingt bei diesem Lob oft jene Nachsicht mit, auf die Leute Anspruch erheben dürfen, die vor lauter schwergewichtigen Gedanken kaum einen leichtfüßigen Satz formulieren können.

Bei Peter Medawar wäre jedoch die Anführung mildernder Umstände verfehlt. Zwar ist Sir Peter ein berühmter Biochemiker und ein Nobelpeisträger dazu, aber er ist auch ein Essayist sui generis in jener gelehrten englischen Tradition, die einst mit Francis Bacon begonnen hatte und mit Bertrand Rüssel noch nicht zu Ende ist. Seine vorwiegend polemischen literarischen Gelegenheitsarbeiten gehören zur vergnüglichsten wissenschaftlichen Prosa seit Galilei. Nie wurde der trübe Tiefsinn von Teilhard de Chardin so sarkastisch zerpflückt wie von Sir Peter, nie wurde so viel aus Sachkunde gespeister Hohn über den Zahlenfetischismus der modernen Psycho- und Sozialwissenschaften ausgegossen, und sogar Arthur Köstler fand in dem Mann von der Laborbank einen ihm überlegenen Florettpartner.

Als die amerikanische Alfred P. Sloan Foundation vor einigen Jahren dem englischen Nobelpreisträger die Muße zu konzentrierter Schriftstellern verschaffte, entschied sich Sir Peter nicht für die in diesem Programm übliche Autobiographie, sondern für ein Büchlein, das er selbst zu Beginn seiner Studienzeit in Oxford vergeblich gesucht und arg vermißt hatte: Einen Führer und Ratgeber für Novizen im Tempel der Wissenschaft, der jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt:

Peter B. Medawar: "Ratschläge für einen jungen Wissenschaftler". Piper Verlag, München, 1984; 199 Seiten, 24,– DM.

Die Ratschläge, die Sir Peter in ebenso freundlicher wie freigiebiger, manchmal auch distanzierend augenzwinkernder Manier erteilt, erheben freilich keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sondern sind ein Reflex von Sir Peters Karriere: zuerst Student und dann Tutor in Oxford, dann-Professor in Birmingham und London und schließlich Direktor der Forschungslaboratorien des Medical Research Council in Mill Hill, einem Vorort von London. Zudem kommen die Ratschläge von einer außergewöhnlichen Persönlichkeit: Obwohl als Sohn eines christlich-arabischen Vaters und einer englischen Mutter in Rio de Janeiro geboren, verkörpert Peter Medawar mit jedem Zoll seiner knapp zwei Meter großen Erscheinung den britischen Gentleman – mit seiner Vorliebe für scharfen Witz und gesunden Menschenverstand.

Demzufolge hält Sir Peter für die angehenden Jungforscher erst einmal grundsätzlichen Trost bereit: Nein, ein Genie brauchen Sie wahrlich nicht zu sein, "denn es bedarf keines übertriebenen Gehirnaufwandes, um in der Wissenschaft voranzukommen". Schwieriger gestaltet sich schon die ins Positive gewendete Frage nach den unabdingbaren Voraussetzungen für Erfolg und Freude an der Forschung. Natürlich sei der "gesunde Menschenverstand" unabdingbar, daneben die leicht in Verruf geratenen "Sekundärtugenden" sowie etwas, das auch der wortgewandte Sir Peter nur als "Forschungsdrang" dunkel andeuten, aber nicht recht dingfest machen kann.

Wer sich davon nicht abgeschreckt fühlt – und nach dieser überaus freundlichen Einleitung gibt es auch keinen Grund dazu –, wird mit den Freuden vertraut gemacht, die eine schöne Entdeckung begleiten, aber auch mit den Frustrationen der Routine oder gar den Schmerzen, die sich einstellen, wenn sich jahrelange Arbeit als ein Holzweg erwiesen hat und eine eifrig verfolgte Hypothese endgültig aufgegeben werden muß.