ARD, Sonntag, 25. 11.: "Was kommt nach dem Schmerz?" Dänische Ärzte helfen Folteropfern. Film von Gisela Reich

Eine Dreiviertelstunde am Sonntagabend: vom Fernsehen zur Verfügung gestellt, um einem einzigen Wort, dem Begriff Folter Anschaulichkeit zu geben. Folter, dies wurde in den Berichten zweier Betroffener, des Griechen Andreas S. und des Chilenen Hector Martinez, erkennbar, Folter ist mehr als Qual, Elend, Erniedrigung und Tortur. Folter heißt Wiederholung eines grauenvollen Sterbeakts. Foltern heißt: Begraben bei lebendigem Leibe, Ertränken, Erwürgen in vorläufiger Weise, die bei jedem einzelnen Akt, Tag für Tag, endgültig sein kann. Foltern heißt: Zerschlagen der Fußsohlen, so daß der Gefolterte es fortan nicht mehr wagen mag, auf den eigenen Beinen zu stehen. Foltern heißt: Elektroschocks, die den Betroffenen daran hindern, jemals wieder eine Steckdose zu berühren. Folter, in der schlimmsten Form, bedeutet, sich darauf einstellen zu müssen, daß im Nebenzimmer der Ehefrau des preisgegebenen Opfers die Augen ausgestochen werden. Deine Kinder sterben einen qualvollen Tod, wenn du nicht redest. Wir werden dir dein Brustbein so lange peitschen, bis dir die Sinne vergehen, das Herz zu stocken beginnt und dein Gehirn zerplatzt.

Zwei Überlebende gaben, ruhig und gefaßt, Auskunft über mittelalterliche Torturen im 20. Jahrhundert – der eine auf dem Schiff, der andere im leeren Fußballstadion. Keine zufälligen Schauplätze: Das Meer, das leere Boot, die freundliche Silhouette Kopenhagens standen in gleicher Weise für die wiedergewonnene Freiheit des griechischen Arbeiters, wie das Stadion, Gegenbild der Folter-Arena von Santiago, auf neue, von keiner Diktatur begrenzte Horizonte im Fall des Chilenen verwies.

Unterstützung der Anti-Folter-Kampagne, wie sie seit Jahr und Tag amnesty international betreibt: wenn irgendwo, dann wurde sie in diesem Film von Gisela Reich betrieben, und dafür verdient die Autorin Anerkennung und Dank.

Freilich, jetzt kommt der Einwand, sollte der Film nur sekundär der Folter, primär aber deren Überwindungsmöglichkeit gelten:der Therapie von Folgeschäden, wie sie im Kopenhagener Rigshospitalet seit acht Jahren betrieben wird... und von dieser Therapie erfuhr der Betrachter am Bildschirm so gut wie nichts. Wie arbeiten die Ärzte in diesem und in jenem Fall? Welche psychiatrischen Behandlungsmethoden stehen zur Verfügung? Wie lang ist der Krankenhausaufenthalt? Wie das Verhältnis der Opfer untereinander – gibt es Kommunikationsstrategien, Tabus, geförderte Mithilfe von Seiten der Familienangehörigen?

Daß man Folterauswirkungen medizinisch objektivieren kann – gut und schön. Wie aber steht es mit der Therapie, mit der Gefahr von Rückschlägen, mit Fällen – oder gibt es sie nicht? – bei denen, da die seelischen Beschädigungen zu groß sind, alle Kunst versagt? Darüber sollte, ein anderes Mal, ausführlicher gehandelt werden als jetzt, wo allein die Interviews dominierten.

Und dann noch eins: Wenn ein Chilene und ein Grieche in ihrer Muttersprache antworten, dann sollte man ihre Sätze, bitte sehr, in akkurates Deutsch übertragen, statt sie, wie geschehen, mit Gastarbeiterakzent (Läbben statt Leben), ins vermeintlich Naturgetreue, in Wahrheit Entstellend-Fremde transponieren zu lassen. Die dänischen Ärzte und Schwestern wurden schließlich auch eines Schriftdeutsch redenden Interpreten für würdig befunden. Bemühen um Authentizität kann, dies zeigt der Film, zur Beeinträchtigung der Menschenwürde führen – und eben dies sollte, zumal in einem so humanen, die Opfer verteidigenden Film wie diesem, strikt vermieden werden.

Momos