Der britische Tommy Normalverbraucher versteht die Welt nicht mehr. Die jüngsten Erklärungsversuche, die ihm die "Alchemisten in den Hexenküchen der Nationalökonomie" für seine Nöte anbieten, so meint ein Kommentator der Edinburgher Tageszeitung The Scotsman, "werfen alle Gesetze der Schwerkraft über den Haufen".

Das Problem des kleinen Mannes besteht darin, daß er an den Tankstellen seiner ölreichen Heimat immer tiefer in die Tasche langen muß. Eine Gallone Superbenzin kostet mittlerweile fast zwei Pfund Sterling. Das entspricht einem Literpreis von über einer Mark sechzig. Gleichzeitig fällt jedoch der Preis von Rohöl – von dem Großbritannien ja selbst mehr als genug hat – auf dem Weltmarkt. Während 1980 ein barrel crude aus der Nordsee für bis zu 40 Dollar gehandelt wurde, ist es heute schon für 28 Dollar zu haben. Und nun erzählen ihm die Gurus der Volkswirtschaft, das Problem des einst so stolzen Königreiches bestehe eben gerade darin, zu viel Öl zu haben.

Dabei reibt sich der Schatzkanzler die Hände. Die Mehreinnahmen, die ihm die gestiegenen Kraftstoffpreise mittels erhöhter Einkünfte aus der Mehrwertsteuer bescheren, fallen bei seinen Kalkulationen zwar nur nebensächlich ins Gewicht. Der wahre Grund für seine Freude ist, daß der fallende Ölpreis auch den internationalen Tauschwert des Pfundes mit in die Tiefe gerissen hat. Da das Nordseeöl aber nun – wie alles Öl auf dem Weltmarkt – in Dollar verrechnet wird, schwankt das Steueraufkommen der in britischen Gewässern tätigen Ölmultis mit dem Wechselkurs der zwei Währungen.

Der Haushaltsentwurf für 1984 basierte auf einem Dollarpreis von einem Pfund fünfzig. Mittlerweile kostet ein Dollar aber nur noch weniger als ein Pfund zwanzig. So wird sich am Jahresende einer Berechnung der Royal Bank of Scotland zufolge eine extra Milliarde Pfund im Staatssäckel befinden, während der Fall des Ölpreises mit nur etwa dem zehnten Teil dieser Summe negativ zu Buche schlägt. Dieser windfall, wie man so etwas im Englischen treffend nennt, entspricht wertmäßig einer Erhöhung der Einkommenssteuer um ein ganzes Prozent.

Warum wird aber gleichzeitig das Benzin immer teurer? Weil die Briten für ihr eigenes Öl mit Pfunden entsprechend dem Dollarkurs bezahlen müssen. So kostet auf der Insel – trotz des fallenden Ölpreises – ein Barrel Rohöl heute 24 Pfund, während die gleiche Menge zu Jahresbeginn noch für 20 Pfund zu haben war.

Der Weltmarkt atmet auf. Der Schatzkanzler freut sich wie ein Schneekönig und rühmt sich, auf der wilden Achterbahn des internationalen Öl- und Geldmarktes die Nerven behalten zu haben. Nur der kleine Mann kann sich – ist’s ein Wunder? – für dieses atemberaubende Spiel gar nicht sonderlich erwärmen.

So kommt er vielleicht tatsächlich zu dem Schluß, den der Scotsman ihm nahelegt: Daß er es ist, der für die geheiligten Grundsätze Margaret Thatchers – Nichteinmischung in den Markt um jeden Preis – letztlich zahlen muß. "Möglicherweise nimmt er daraufhin die Ölpolitik seiner Regierung etwas genauer unter die Lupe", schreibt der Kommentator gallig. "Dann wird er feststellen, daß es eine solche Politik gar nicht gibt."

Reiner Luyken