Von Heinz Blüthmann

An deutschen Stammtischen ist dies seit Monaten das beliebteste Thema: Welches Auto soll es sein – mit oder ohne Katalysator? Die Dauerdiskussion blieb nicht ohne Folgen: Unsicherheit breitete sich aus. Wankelmütige Kunden aber sind schlechte Kunden – viele schoben die eigentlich geplante Anschaffung eines neuen Wagens erst einmal auf. Für Oktober zog der Verband der Automobilindustrie (VDA) die triste Bilanz: Wegen der Abgasdiskussion sind die Neubestellungen im Inland "stark zurückgefallen". Genaue Zahlen mochte der Verband wie stets nicht nennen.

Daß die Deutschen wieder mehr Mut zum Autokauf fassen, ist deshalb sehnlichster Wunsch aller Hersteller. Doch die Chancen dafür stehen – zumindest vorerst – nicht besonders gut. Schon in den vergangenen eineinhalb Jahren Abgas-Debatte sind "ungefähr 400 000 Wagen nicht gekauft worden", schätzt VDA-Geschäftsführer Achim Dieckmann. Das wären immerhin fast so viel Autos, wie in zwei Monaten in der Bundesrepublik insgesamt neu zugelassen werden. Es wird wohl noch mehr schmerzliche Ausfälle geben, denn eine sichere Perspektive kann keiner den PS-Kunden geben – im Gegenteil.

Gerade nämlich ist wieder dichter Nebel auf die Abgas-Szene gefallen. Bis vor kurzem schien es noch so, als ob die Bonner Regierung relativ rasch einen Kompromiß mit den übrigen neun Staaten der Europäischen Gemeinschaft zuwege bringen könnte. Der saubere Autoauspuff für Neuwagen sollte danach, wenn schon nicht, wie von Bonn geplant, 1989, so doch spätestens 1991 oder 1992 zwingend vorgeschrieben werden – und dann europaweit. Doch die ministeriellen Auspuff-Strategen aus Bonn werden auch dieses Ziel verfehlen. Ergebnis: Wie bislang schon öfter in der nun über 18 Monate dauernden Debatte um den mutmaßlichen Waldfeind Autoabgas weiß keiner, wo es langgeht.

Was ist passiert? Europa-Abgeordnete aus Frankreich, Italien und Großbritannien stoppten den Gesetzentwurf der EG-Kommission zur einheitlichen Abgasentgiftung in allen zehn Mitgliedsstaaten. Wo es den Deutschen so pressiert, spielen Franzosen, Italiener und Briten auf Zeit. Mit ihren Stimmen verwies das Straßburger Parlament den Kommissionsentwurf einfach an den zuständigen Ausschuß zurück. Das bedeutet aber nichts anderes, als daß die Umwelt- und Industrieminister am 6. Dezember in Brüssel keine Beschlüsse fassen können. Die Manager der deutschen Autofirmen hatten sich gerade von diesem Treffen wenigstens etwas Klarheit erhofft.

"Man bekommt es mit der Angst zu tun", schimpfte BMW-Chef Eberhard von Kuenheim vergangene Woche, "wenn man daran denkt, daß die Außen-, Finanz- und Verteidigungspolitik ebenso betrieben werden könnten wie die Abgas-Diskussion." Ähnlich wie die Chefs der automobilen Konkurrenz stochert auch von Kuenheim mit der Stange im Nebel. "Denn trotz aller Beschlüsse und Absichtserklärungen der Bundesregierung – es ist überhaupt noch nichts klar." Vor allem, wie es in Brüssel läuft.

Die Goodwill-Touren von Innenminister Friedrich Zimmermann nach Paris, Rom und London erweisen sich damit als Fehlschläge, denn der Katalysator-Promoter war in die Hauptstädte gereist, um "im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft ... die Voraussetzungen" (Kabinettbeschluß) zur Realisierung der Bonner Absichten zu schaffen. Daraus ist nichts geworden.