Mitte September hatte das Kohl-Kabinett mit Riesen-Tamtam eine Entscheidung verkündet, die Fraktionschef Alfred Dregger als den "größten Durchbruch in der Kraftfahrzeug-Entgiftung" feierte, "den es überhaupt jemals gegeben hat auf der Welt". Bereits von 1989 an, so machte Umweltminister Zimmermann die Bürger glauben, sollte kein neues Auto ohne Katalysator mehr auf die deutschen Straßen gelassen werden. Für fabrikfrische Fahrzeuge mit mehr als zwei Liter Hubraum galt damals sogar 1988 als ebenso "verbindlicher" (Zimmermann) Einführungstermin.

Aus dem "größten Durchbruch" wird nun mehr und mehr ein peinlicher Reinfall: Zimmermann hat die Rechnung wieder einmal ohne die EG-Partner gemacht. Freilich sind die sich ihrer starken Stellung schon länger wohl bewußt – Zimmermann und andere haben das offenbar falsch eingeschätzt. Denn nur mit Zustimmung der Partner können die Deutschen im eigenen Land saubere Autos obligatorisch machen – sauber im Sinne der geltenden amerikanischen Abgasstandards, die weit schärfer sind als die Vorschriften in Europa.

Besonders die Franzosen und Italiener aber wollten von Anfang an nichts von den deutschen Zwangsplänen wissen. Ihre Automobilindustrie erwartete davon nur Nachteile gegenüber den ohnehin übermächtigen deutschen Konkurrenten. Die Domäne von Fiat, Renault und Peugeot sind Kleinwagen, für die Katalysatoren nicht nur eine relativ höhere Kostenbelastung, sondern auch ein schwerer zu bewältigendes Konstruktionsproblem darstellen als für größere Autos. Ohne Katalysatoren sind jedoch in dem von Bonn angepeilten Zeitraum die Autos nicht so umweltfreundlich zu machen wie gefordert.

Nach der deutschen Schlappe im Europa-Parlament herrscht wenigstens in einem Punkt Klar-• Fortsetzung nächste Seite heit: Die zwangsweise Einführung des Katalysatorautos Bonner Prägung ist auf den St. Nimmerleinstag verschoben, denn nichts spricht dafür, daß Italiener, Franzosen und Briten ihre Opposition gegen den mächtigen Automobil-Konkurrenten aufgeben. Der Fall zeigt einmal mehr: Das politische Gewicht der Deutschen in Brüssel ist viel kleiner als es die vielen Milliarden, die Bonn in die EG-Kassen zahlt, vermuten lassen. –

Weil also aller Voraussicht nach niemand hierzulande binnen acht, vielleicht sogar zehn Jahren, genötigt werden kann, "hinten mit" (Auto, Motor und Sport) zu fahren, bleibt Umweltschützern und natürlich Innenminister Zimmermann nur die Hoffnung auf Freiwillige. Finanzielle Anreize aus dem Staatssäckel wie der Erlaß der Kraftfahrzeugsteuer für Bundesbürger, die aus freien Stücken auf einen Katalysator-Wagen umsteigen, sind nämlich auch nach EG-Recht erlaubt – vorausgesetzt, die Steuervergünstigung übersteigt nicht die Mehrkosten für die Abgasreinigungs-Vorrichtungen und gilt auch für Importautos.

Dieser enge Rahmen zwang zur Sparsamkeit: Maximal 3000 Mark – für Dieselwagen die Hälfte – werden schnellentschlossenen Umsteigern geschenkt. Der Katalysator allerdings, dessen Haltbarkeit auf deutschen Autobahnen keineswegs bewiesen ist, kann einschließlich Reparaturen und Wartung leicht viel teurer werden. Kalte Rechner, die auch nicht an eine heilsame Wirkung des Abgas-Katalysators zum Wohle des Waldes glauben, wird die staatliche Prämie deshalb kaum aus der Reserve locken.

Umgekehrt muß der Autofahrer, der weiter Vehikel alter Technik zur Fortbewegung benutzt, nämlich nur mäßige Strafzuschläge bei der Kraftfahrzeugsteuer zahlen: Für einen gebrauchten Mittelklassewagen mit 1,5 Liter Hubraum von 1986 an jährlich gerade 24 Mark mehr als bisher, für einen fabrikneuen 108 Mark.