Von Regina Oehler

Wie funktioniert die Seele? Gar nicht. Es gibt sie sowenig wie den Geist. Beide sind in Wirklichkeit Aktivierungsmuster von Nervenzell-Verbänden. „Theoretisch spricht heute nichts mehr dagegen, menschliches Verhalten als Neuronen-Aktivität zu beschreiben. Es ist höchste Zeit, daß der neuronale Mensch in Erscheinung tritt.“ Und: „Fortan hat der Mensch nichts mehr mit dem ,Geist‘ zu schaffen – es wird ihm genügen, ein neuronaler Mensch zu sein.“ Solche provozierenden Thesen finden sich im ersten Buch des Pariser Neurobiologen

Jean-Pierre Changeux: „Der neuronale Mensch“, Rowohlt-Verlag, Reinbek, 1984; 416 Seiten, 39,80 DM.

Der Untertitel verspricht Auskünfte darüber, „wie die Seele funktioniert – die Entdeckungen der neuen Gehirnforschung“. Zumindest der zweite Teil des Versprechens wird auch eingelöst. Und die Entdeckungen sind in der Tat faszinierend: „Welch unerwarteter Anblick! Auf einem gelben Untergrund von vollkommener Transparenz zeichnen sich dünngesät die schwarzen Fasern – glatt und dünn oder stachelig und gedrungen – schwarzer Körper in Dreiecks-, Stern- oder Spindelform ab! Man könnte meinen, Tuschezeichnungen auf durchscheinendem Japanpapier vor sich zu haben. Das Auge ist verwirrt, Hier ist alles einfach, klar, ohne Geheimnis. Man braucht nicht mehr zu interpretieren, nur noch hinzuschauen und zur Kenntnis zu nehmen.“ So beschreibt der spanische Nobelpreisträger Ramon y Cajal um die Jahrhundertwende die Empfindungen des Neuroanatomen, dem es zum ersten Mal gelungen ist, eine Nervenzelle schwarz einzufärben und so bis in die feinsten Verästelungen sichtbar zu machen.

Inzwischen haben vergleichende Anatomen herausgefunden, daß sich die Nervenzell-Typen, die Cajal in so blumigen Worten geschildert hat, in der menschlichen Großhirnrinde genauso finden wie im Gehirn von Ratten und Affen. Auch die Art ihrer „Verpackung“, ihrer Anordnung im Gehirn, scheint sich nicht zu ändern. Und nicht einmal in der Biochemie der Signal-Übertragung an den Synapsen, den Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen, tut sich beim Menschen etwas grundsätzlich Neues: „Was für das elektrische Organ des Zitteraals gilt, gilt genauso für das Gehirn des Homo sapiens. Soweit es die elementaren Mechanismen der Nervenkommunikation betrifft, unterscheidet sich der Mensch in nichts vom Tier“, schreibt Changeux. Er kommt zu dem Schluß: „Nach der Säkularisierung der Anatomie, des menschlichen Gehirns... ist es jetzt an der Zeit, auch seine Aktivität zu säkularisieren.“

Aber auch eine säkularisierte Betrachtung der Vorgänge, die sich an den Synapsen abspielen, ist nicht ohne Reiz. Beim Menschen und seinen näheren Verwandten im Tierreich sind die Zehntausende von Kontaktstellen, die jede Nervenzelle bilden kann, nicht fest programmiert. Es entstehen mehr Synapsen, als nachher beibehalten werden. Welche Kontaktstellen erhalten bleiben, hängt auch davon ab, welche Erfahrungen das junge Lebewesen mit seiner Umwelt macht. „In jeder Generation sorgt die Interaktion mit der Außenwelt für die Aufhebung der Redundanz. Die Entwicklung des Gehirns ‚öffnet‘ sich der Umwelt, die damit in gewisser Weise das Werk der Gene fortsetzt“, führt Changeux aus. Und weiter: „Die Auseinandersetzung mit der Umwelt trägt zur Entfaltung einer immer komplexeren Organisation des Nervensystems bei – und das trotz einer nur noch geringfügigen Evolution des Erbguts.“ Für Changeux löst damit der „Darwinismus der Synapsen den Darwinismus der Gene ab“.

Was aber vermag so ein hochentwickeltes und plastisches Nervensystem zu leisten? Dieser Aspekt scheint Changeux, der die Gehirnentwicklung als „Montage einer zerebralen Maschine“ beschreibt, weniger zu interessieren. Ihm geht es um die materiellen Grundlagen von Empfindung und Erkennen; über die spezifischen Qualitäten des bewußten Erlebens schweigt er sich aus.