Von Ulrich Kluge

Nach dem dramatischen Ende des österreichischen Parlamentarismus 1933 und nach dem gescheiterten Aufstand des Republikanischen Schutzbundes der Sozialdemokratie im Februar 1934 erreichte mit der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß im Juli 1934 die innenpolitische Entwicklung der Republik Österreich einen neuen krisenhaften Höhepunkt. Über die Vorgeschichte, das Dollfuß-Attentat und seine Folgen liegt jetzt eine neue Studie vor, von dem Münchener Politikwissenschaftler

Gottfried-Karl Kindermann: "Hitlers Niederlage in Österreich. Bewaffneter NS-Putsch, Kanzler-Mord und Österreichs Abwehrsieg von 1934"; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1984; 280 Seiten, 29,80 DM.

Die österreichische NSDAP ging seit 1931 "in breitester Front zum Generalangriff auf Österreich" über. Das entsprach den machtpolitischen Zielen Hitlers, mit der Penetration Österreichs eine Umstrukturierung des Kräftegefüges in Südosteuropa zu Lasten der Tschechoslowakei und damit auch zu Lasten Frankreichs auszulösen. Hitler setzte dabei auf die österreichische NSDAP, obwohl diese sich in einer ungünstigen Ausgangsposition befand: Dem österreichischen Ableger seiner Partei mangelte es an straffer Führung, und die Voraussetzungen für eine "Machtergreifung" auf legalem Wege durch Wahlen waren ungünstig. Sozialdemokratie und Christlich-soziale Partei verfügten über mehr als Dreiviertel aller Mandate im Nationalrat. Hitler entschloß sich zu einer anderen Art politischer Penetration: Über einen Wirtschaftsboykott ("Tausend-Mark-Sperre") hoffte er auf einen Zusammenbruch der Regierung Dollfuß und auf einen Sieg bei Neuwahlen als Beginn der "inneren Gleichschaltung". Die "Österreichische Legion" aus geflüchteten Nationalsozialisten mit maximal 15.000 Mann stand als Sonderformation der SA in Bayern für den Tag X bereit.

Die Republik Österreich galt in der politischen Öffentlichkeit des Landes seit ihrer Entstehung aus den Resten der Habsburger Monarchie 1918 als "Provisorium". Aber die "Republik ohne Republikaner" entwickelte trotz zahlreicher Regierungs-, Gesellschafts- und Finanzkrisen eine erstaunliche Stabilität. Allenthalben suchten gesellschaftliche Kräfte nach neuen Formen eines österreichischen Selbstverständnisses. Der christlich-soziale Agrarexperte Engelbert Dollfuß, der im Mai 1932 Bundeskanzler wurde, entwickelte hierbei besondere Aktivität. Doch versuchte Dollfuß vergeblich, dem von Sozialdemokratie und deutschnationalem Bürgertum propagierten "Anschluß" Österreichs an Deutschland einen österreichischen Nationalismus entgegenzustellen. Christlich-soziale Parteiziele und innenpolitische Zielsetzungen der paramilitärischen "Heimwehren" verschmolzen zu einer "Österreich"-Ideologie; sie entsprang "einer in der Stunde existentieller Gefahr notwendig gewordenen Reflexion über das historische Werden und die neue Rolle des österreichischen Volkes", wie Kindermann betont.

Dollfuß sah sich in seiner Feindschaft zur Sozialdemokratie und dem Nationalsozialismus innenpolitisch im "Kampf an zwei Fronten". Über außenpolitische Abwehrstrategien versuchte er die Existenz des allseits bedrohten österreichischen Staates nach innen und außen gleichermaßen abzusichern, Angesichts Hitlers Österreich-Aspirationen und der dilatorischen Haltung Großbritanniens und Frankreichs hielt der Kanzler unter den spärlichen Bündnismöglichkeiten allein den außenpolitischen und wirtschaftlichen Kompromiß mit dem faschistischen Italien und Ungarn der komplizierten Lage für angemessen. Daß das Engagement Mussolinis für Österreich eine brisante innenpolitische Problemlage schuf, negierte Dollfuß.

Entfremdung und Polarisierung stellten die zentralen Merkmale der gesellschaftlichen Existenzbedingungen in der Republik Österreich dar. Der informelle Kompromiß der parlamentarischen Mehrheitsparteien, Sozialdemokratie und Christlich-soziale Partei, ging durch die Agrar- und Industriekrise seit 1927 in die Brüche. Die Gräben zwischen organisierter Arbeiterschaft und klerikalen Sozialschichten erschienen den Verantwortlichen beider Seiten als unüberbrückbar.