Die expandierende Sozialdemokratie goß Öl ins politische Feuer. Allenthalben aufflammende bürgerkriegsähnliche Kämpfe manövrierten Österreich zuweilen an den Rand des gesellschaftlichen Chaos. Das parlamentarische System hielt dem wachsenden Druck nicht stand; es ging in einer "grotesken Selbstparalyse" (Kindermann) im März 1933 unter und zeichnete den Aufstand des "Republikanischen Schutzbundes" ein knappes Jahr später praktisch vor. Die gewaltsame Ausschaltung der organisierten Arbeiterbewegung erweiterte für Dollfuß den innenpolitischen Handlungsspielraum jedoch keineswegs.

Wirtschaftsboykott und Nazi-Terror erwiesen sich 1934 als untaugliche Mittel deutschen Eindringens. Dollfuß wurde wiederholt zur Zielscheibe unverhüllter Morddrohungen der SA. Hitler forderte von Mussolini Unterstützung für Neuwahlen in Österreich mit dem Ziel, die NSDAP legal an die Macht zu bringen. In diesem politischen Klima gediehen Putschpläne; Hitlers Urheberschaft hierfür bleibt zum Teil von erheblichen Zweifeln belastet. Am 25. Juli 1934 fiel Bundeskanzler Dollfuß einem bewaffneten Überfall dilettantisch putschender Nazis zum Opfer, ohne daß sein Tod zum Signal zur terroristischen Machtergreifung Hitlers in Österreich wurde.

Das rasche Ende des Putsches stellte die schwache Resonanz des Nationalsozialismus in Österreich vor der Weltöffentlichkeit unter Beweis. Hitler wurde drastisch zum politischen Rückzug gezwungen und opferte dabei die österreichische NSDAP mit allen ihren Untergliederungen. Dollfuß, der "Arbeitermörder" in der Kritik seiner sozialdemokratischen Gegner vom Februar 1934, wurde zum politischen Märtyrer und im westlichen Ausland zum "Führer des patriotischen Widerstandes".

Das politische Urteil über Dolluß reflektiert alle politischen Widersprüche des halben Jahrhunderts seit seinem Tode. Dollfuß’ politischer Persönlichkeit gerecht zu werden heißt, den hervorragenden Agrarexperten, den Staatsmann und Nationalisten, aber auch den radikalen Antimarxisten und Parlamentsfeind Dollfuß auf einen Nenner zu bringen.

Kindermann scheint sich dieses unlösbaren Problems bewußt gewesen zu sein, als er sich von vornherein auf die vermeintlich oder tatsächlich verdrängte Rolle von Dollfuß als erstem Widerstandskämpfer gegen Hitler konzentrierte. Kindermann wählte einen Standpunkt, wie andere Biographen vor ihm auch, ohne damit die parteipolitisch polarisierte Diskussion in Österreich auf eine neue, von mehr Sachlichkeit gekennzeichnete Ebene heben zu können.

Kindermanns Darstellung trägt alle stilistischen Vozüge eines exakt recherchierten Polit-Thrillers. Die Studie des Wiener Historikers Gerhard Jagschitz von 1976 hat ihn mühsamer Quellenarbeit weitgehend enthoben. Kindermanns Aussagen bleiben für den politisch interessierten Laien und für den spezialisierten Historiker in jedem Falle belangreich. Kritik dagegen dürfte Kindermann aus der Fachöffentlichkeit vor allem in konzeptioneller Hinsicht ernten:

Erstens unterstellt er der NS-Führung eine Zielsicherheit machtpolitischer Österreich-Aspirationen, die in krassem Widerspruch zur äußerst diffusen Interessenlage zwischen Hitler, Göring und Papen 1933/34 stand. Hans Mommsen warnte zu Recht vor einer "Überrationalisierung der nationalsozialistischen Strategie" gegenüber Dollfuß-Österreich.