Die Reisephotographie war eine der ersten praktischen Anwendungen der neuartigen Erfindung. Zuerst noch in Daguerreotypien, aber bald schon als Kalotypien und Positivabzüge von Negativ-Glasplatten. Die Photo-Objekte waren ziemlich identisch mit dem, was vorher schon die Zeichner und Radierer an Veduten anfertigten. Nur war alles noch genauer zu sehen, damit populärer und auch etwas billiger zu haben. Kein Wunder, daß sich an den bevorzugten Wallfahrtsorten der Bildungsbürger des 19. Jahrhunderts clevere Photographen den Bildbesitzwunsch vieler vergolden ließen. Besonders eine Photographenfamilie, Alinar aus Florenz, ist dadurch berühmt geworden und bekannt geblieben bis heute. Das hat etwas zu tun mit der klugen Archivauswertung, denn die alten Photos aus derzeit bis zur Jahrhundertwende wurden, nun gedruckt, neu aufgelegt als albenähnliche Bilderhefte. Florenz, Rom, Adria und Neapel folgten. Sie zu betrachten ist ein Genuß, denn die auf 30×40 cm großes Papier meist etwa 24×31 cm groß gedruckten Bilderwirken bereits nach hundert Jahren noch weitaus älter und ferner als vermutbar wäre. Ob damals neben den brillanten Architekturaufnahmen vom sogenannten "Idealstandpunkt" aus die Menschenaufnahmen eher am Rande entstanden, ist unklar, aber gerade sie bilden für uns heute einie Quelle der Faszination. Jedenfalls waren genug Photos da, um eine in Italien sehr beachtete Ausstellung zu organisieren, die nichts anderes zeigte als Bilder von italienischen Frauen aus der Zeit von 1860 bis 1910. Frauen damals, bei der Arbeit, in der Schule, als Modeträger, Frauen unter sich, in der Familie, als femmes fatales, in der Körper/Kopf/Teilung. Der Katalog zu dieser Photo-Ausstellung hat auf seinen letzten Seiten etwas sehr Raffiniertes zu bieten. Denn aus den auf den ersten Blick ganz normalen Bildern wurden plötzlich Lehrstücke, indem durch größer gedruckte Wiederholung geeigneter Ausschnitte verblüffenderweise die moderne Italienerin aufscheint. Mal wird da nur eine Hand gezeigt, mal der Anlehnungsbedürftigen der Stuhl weggeschnitten oder nur ein Mund, oder ein Auge mit Lorgnon groß gesehen, bedeutend wie auf der allerletzten Doppelseite der heutige harte Porträtausschnitt. Das Archiv Alinari zeigt, wie man heutzutage eine solche Sammlung intelligent zu nutzen vermag, fern von nur nostalgischen Aspekten, nahe der eigenen Geschichte, in Bildern zu bedenken.

N. D.