Die Wirtschaftswissenschaften suchen nach Wegen zur Vollbeschäftigung

Von Wolfgang Krüger

Die Zunft der Nationalökonomen hat Grund, um ihren Ruf besorgt zu sein. Immer größer wird die Zahl derjenigen, die ihnen in Theorie und Praxis Versagen vorwerfen. Durch immer stärkere Zerstückelung und Aufteilung in unzählige Spezialbereiche sei die Nationalökonomie als forschende, lehrende und angewandte Wissenschaft nicht mehr in der Lage, sich den auf ihrem Gebiet anstehenden Problemen in homogener und einigermaßen verständlicher Sprache zu stellen, sagen ihre Kritiker. An dieser Kritik ist etwas Wahres dran.

Die Volkswirtschaften der freien Welt und der Entwicklungsländer – in kommunistischen Staaten ist das Problem mit statistischen Manipulationen und anderen Kunststücken zugedeckt – sind von dem Krebsschaden der Massenarbeitslosigkeit befallen. Aus der nur noch schwer zu übersehenden Flut von Büchern, die sich mit dem Thema "Vollbeschäftigung" befassen, sollen hier drei herausgegriffen werden. Ergebnis: Drei von Experten geschriebene Bücher, drei unterschiedliche Untersuchungsmethoden, drei verschiedene Diagnosen, drei miteinander unvereinbare Therapien.

In medizinischen Kategorien ausgedrückt stellt sich die Situation so dar: Das Ärzteteam, das sich am Krankenbett des schwer darniederliegenden Patienten versammelt hat, erweist sich wegen prinzipieller Meinungsverschiedenheiten als handlungsunfähig. Das hat schon so manchen umgebracht.

Hanns-Joachim Rüstow, jüngerer Bruder des vor Jahren verstorbenen Alexander Rüstow ("Ortsbestimmung der Gegenwart"), lehrte nach dem Kriege an der Universität Erlangen-Nürnberg Nationalökonomie. Wie in dem seinem Buch beigelegten Autorennachweis zu lesen ist, war Rüstow "zusammen mit John Maynard Keynes und Michael Kalecki einer der drei Begründer der modernen Makroökonomie, der bedeutendsten Errungenschaft der Wirtschaftswissenschaft in unserem Jahrhundert". Sein in diesem Jahr herausgekommenes Spätwerk ist laut Vorwort "dem Versuch gewidmet, diese Theorie für kritische Studenten, Wirtschaftspolitiker und Autodidakten noch einmal kurz darzustellen – in der Hoffnung, auf diesem Wege ihre schnellere Verbreitung und Durchsetzung zu erreichen".

Diese Hoffnung wird wahrscheinlich nicht in Erfüllung gehen. Nicht deswegen, weil die in diesem Buch entwickelten Gedanken prinzipiell falsch wären. Aber sie sind zu eng und passen nicht mehr in unsere Welt, wie ja auch die wohl aus guten Gründen bekannter gewordene und unter dem Markennamen Keynes firmierende Theorie in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg unbestritten ihre großen Meriten hatte, nun aber, gemessen an den in den siebziger und achtziger Jahren eingetretenen rapiden strukturellen Veränderungen, nicht mehr zeitgemäß ist.