Als erste der deutschen Touristikorganisationen hat jetzt der Fremdenverkehrsverband von Schleswig-Holstein auf seiner Jahrestagung im Ostseebad Grömitz den Umweltschutz in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt.

Zeitweise glaubte man sich unter lauter Grünen. Doch die rund 200 Teilnehmer der Fremdenverkehrstagung Schleswig-Holstein am eisigen Ostseestrand von Grömitz, die den Vorträgen für eine umweltverträgliche Fremdenverkehrspolitik stumm lauschten, kamen großenteils aus den Rathäusern des konservativen nördlichen Bundeslandes. Selbst "Naturanwalt" Carl-Albrecht von Treuenfels vom World Wildlife, Fund und der Schweizer Prediger in Sachen "sanfter Tourismus" Jost Krippendorf wußten den Natur-Optionen der Politiker vom ostholsteinischen Landrat Dr. Wolf gang Clausen bis zum Landwirtschaftsminister Günter Flessner wenig hinzuzufügen.

Dabei hatten die nordischen Fremdenverkehrsstrategen, allen Grund zur Zufriedenheit: "Das Land zwischen zwei Meeren" (Werbeslogan) trotzte den Widrigkeiten des verregneten Streiksommers. Das Aufkommen der Saison von April bis August erreichte fast die 83er Ziffern. (Zwei Prozent mehr Gäste, 0,4 Prozent weniger Übernachtungen in den trockenen Unterkünften, aber Rückgänge von 4,6 und 7,2 Prozent auf den meist nassen Campingplätzen.) Jenseits solch hoffnungsvoller Statistik sorgte sich der Verbandsvorsitzende Landrat Karl-Heinrich Buhse indes über Veränderungen in der Nachfragestruktur, konfrontierte das gestiegene Umweltbewußtsein der Gäste mit einem "Handlungsdefizit auf allen Ebenen".

Den Naturtrend in der Motivation der Urlauber bestätigen die Analysen des Studienkreises für Tourismus. Überproportional groß sei er gerade bei der Gruppe der älteren Reisenden, die Studienkreis-Referent Martin Lohmann den schleswig-holsteinischen Touristikern auf der Tagung neben "Familien mit Kindern" als vielversprechende Zielgruppe empfahl.

Gegen eine Zersiedelung der Erholungslandschaft – aber auch, um die Rentabilität zu erhöhen, forderte Landrat Buhse weniger Neubauten. Die Kapazität habe die "Grenze wohl erreicht. Jetzt müssen wir die Dinge vollenden." Das gesetzliche Instrumentarium für die entsprechende Investitionslenkung sei vorhanden, "aber bisher unzureichend genutzt worden".

Am Rande der Tagung zeigte sich freilich bei den Teilnehmern Skepsis: "Jede Gemeinde ist doch bestrebt, sich durch Großprojekte zu profilieren und nicht Gäste zum attraktiveren Konkurrenten abziehen zu lassen", plauderte eine Teilnehmerin aus der Praxis.

So wundert es nicht, daß viele Touristiker den Landschaftsschutz als Gäste-Attraktion vor allem an der Ortsperipherie sehen: Neben dem umstrittenen Nationalpark Wattenmeer warten über hundert kleinere Biotope auf Schutz durch das Land. Die Ausweisung der beantragten Naturschutzgebiete, stand der zuständige Minister Flessner Rede und Antwort, verzögere sich weniger durch technische Probleme und personelle Engpässe als dadurch, daß "das Handlungsbewußtsein noch nicht so weit ist wie das Umweltbewußtsein". Der Minister baut auf die Selbstbestimmung der ortsansässigen Bevölkerung.

In der Frage der Identifikation der "Basis" mit dem Schutz "ihrer" Heimat erfüllt er freilich eine zentrale Forderung des Tourismus-Kritikers Krippendorf. Stellt sich die Frage, ob die verhohlene Heiterkeit des Auditoriums bei dessen engagiertem Referat durch die kompromißlosen Forderungen – oder das schwyzerdütsche Kolorit ausgelöst wurde. Christine Hagner