Von Erich Loest

Was ist das? Autor und Verlag vermeiden die Genrebezeichnung. Es ist an die 400 Seiten dick, aber kein Roman. Man hörte seit einiger Zeit unter den von der DDR verstoßenen Schriftstellern, Jürgen Fuchs schreibe einen Roman über die Armee der alten Heimat. Wurde Zeit, sagten wir, daß diese Lücke endlich geschlossen wird.

Im Klappentext heißt es: "Der Schriftsteller Fuchs, 1977 aus politischer Haft nach Westberlin entlassen, beschreibt 1983, dreiunddreißigjährig, die ersten dreizehn Tage der militärischen Ausbildung in Johanngeorgenstadt. Vierzehn Jahre liegen zwischen dem 16. November 1969, dem letzten Tag, den Fuchs beschreibt, und der letzten Seite, die Fuchs über diesen Tag schreibt."

Das ist nicht gerade elegant formuliert mit dieser Beschreibt-schreibt-Wiederholung. Berichterstattung, keine Erfindung? Schon oder noch nicht Literatur? Unlängst in Vlotho an der Weser unter ehemaligen DDR-Schriftstellern und einheimischen Literaturkennern gingen oft gepeitschte Wogen hoch: Daß vom Inhalt her Betroffenheit erzeugt werde, mache noch keinen Wert von Literatur aus, focht vehement Wolfgang Hegewald, gerade erst aus Leipzig entronnen und schon in Klagenfurt preisgewürdigt und mit dem Bucherstling in einem namenhaften Verlag angekommen; betroffen mache schließlich auch das Strafgesetzbuch der DDR. Fuchs bietet kunstvollen Bericht, da wird mir auch der wortkunstbesessene Hegewald nicht widersprechen wollen.

So geht das:

Da ist die Altstadtschule, über der Tür, halbrund, in großen Buchstaben: "1. polytechnische, allgemeinbildende zehnklassige Oberschule." Schnell vorbei, den kleinen steilen Berg hinauf, Richtung Marktplatz, Richtung Bahnhof, Richtung Wehrkreiskommando, Richtung Friseur. "COIFFEUR" steht über der Tür, daneben die Eisdiele, geschlossen, es ist zu früh, 9 Uhr und ein paar Minuten. Zwei Kugeln Vanille, eine Zitrone. Zu früh, kurz nach neun, dort ist die Uhr, kreisrund, Rat des Kreises, Rat der Stadt.

Dort hinein, den Koffer abstellen, keiner ist vor dir.