Einmal im Jahr dürfen die deutschen Sportjournalisten wählen. Sie wählen den "Sportler des Jahres", genauer den Sportler, die Sportlerin, die Mannschaft.

Wer also nun ist größer? Der Schwimmer Michael Groß oder der Gewichtheber Milser? Der Diskuswerfer Rolf Danneberg oder der Hochspringer Dietmar Mögenburg? Der Dressurreiter Rainer Klimke oder der Judoka Frank Wieneke?

Welche olympische Medaille ist höher zu bewerten? Die Silbermedaille von Jürgen Hingsen im Zehnkampf oder die Goldmedaille von Peter Angerer im Biathlon? Die Bronzemedaille von Sabine Evern im Siebenkampf oder die Goldmedaille von Ulrike Meyfarth im Hochsprung?

Im Grunde lassen sich die Leistungen aus verschiedenen Sport-Disziplinen überhaupt nicht miteinander vergleichen. Vor Jahren, als das Geschwisterpaar Erich und Angelika Buck Europameister im Eistanz wurde, da stellte sich sogar die Frage, ob diese Leistung in die Rubrik der "Männer ‚ der "Frauen" oder in die der "Mannschaft" gehöre. Man entschied sich damals dafür, die Bucks zu "Männern" zu machen, obwohl Angelika ganz offensichtlich in die Rubrik der "Frauen" gehörte.

Diese Wahl wird nun schon zum 38. Male von der "Internationalen Sport-Korrespondenz" (ISK) durchgeführt. Und im Text des Veranstalters heißt es wie in jedem Jahr: "Unter Sportler des Jahres möchten wir eine Persönlichkeit verstanden wissen, bei der Leistung und Haltung gleichermaßen vorhanden sind. Das Vorbild ist es vor allem, das gesucht wird."

Nun, ein sportliches Vorbild ist natürlich immer noch Max Schmeling. Aber der boxt schon lange nicht mehr. Und auch Fritz Walter, Vorbild für die Fußballfans der fünfziger Jahre und immer noch als untadeliger Sportsmann geschätzt, ist nicht mehr wählbar, weil er nicht mehr spielt. Genausowenig wie Uwe Seeler, der seine Fußball-Karriere beendet hat, obwohl auch er immer noch als Vorbild herumgereicht wird bei nationalen und internationalen Veranstaltungen.

Wen also kann man heute wählen, ohne mit den Begriffen "Leistung", "Haltung" und "Vorbild" zu kollidieren? – Natürlich Ulrike Meyfarth. Diese Sportlerin, die zwölf Jahre nach ihrem Olympiasieg von München nun in Los Angeles ihre zweite Goldmedaille im Hochsprung gewann, ist jetzt schon "so gut wie gewählt". Und wo auch immer eilfertige Sportredaktionen ihre Leser zur vorgezogenen Extra-Wahl auffordern, selbst in Hintertupfingen muß man nicht befürchten, mit Ulrike Meyfarth als "Sportlerin des Jahres" falsch gewählt zu haben.