In Hamburgs schickem Stadtteil Eppendorf wachsen Bananen und Orangen, wo früher schnelle Autos über verkehrsreiche, mit teuren Läden und Restaurants gesäumte Straßen fuhren. Eppendorf ist einer der autonomen Bezirke in Europa und probt unter klimageschützter Großraumüberdachung das alternative Leben – mißtrauisch beobachtet von der Welt "draußen", die auch nach globaler Wirtschaftskrise und der Einführung einer von multinationalen Konzernen beeinflußten Weltregierung überwiegend dem technischen Fortschritt huldigt –

Frederik Hetmann und Harald Tondern: "Zeitsprung"; Klett Verlag, Stuttgart; 287 S., 19,80 DM.

Im "Kleinen Wald" auf der ehemaligen Eppendorfer Landstraße und in begrünten Innenhöfen vormals großbürgerlicher Altbauten treffen sich zum achtzehnten Geburtstag von Sohn und Neffe die Geschwister Thomas und Britta. Der Leser kennt sie aus dem ersten Teil des Buches, als beide selber junge Leute waren und Thomas achtzehn Jahre alt wurde. Ein Zeitsprung hat sie und den Leser ins Jahr 2010 versetzt.

Der Familienkonflikt von damals kehrt in veränderter Form wieder. Erneut kann ein schwer arbeitender Vater sich nicht mit dem phantasievollen, konsumfeindlichen, introvertierten Lebensstil eines seiner Kinder abfinden. Immer noch bedeutet das selbstverantwortete Eigenleben der Ehefrau die Auflösung der Ehe. Nach wie vor erregt der unkonventionelle Wertekanon der Schwester Mißfallen. Und wie vor dreißig Jahren gibt es Diskussionen, wie sie heute in unzähligen Familien zwischen Eltern und heranwachsenden Kindern geführt werden.

Doch in der konstruierten Zukunft ist der Ton verbindlicher, der Umgang toleranter, die Lösung liberaler geworden. Wie viele literarische Utopien sind auch die Eppendorfer Zukunftsvisionen geprägt von den Obsessionen und Wünschen der Gegenwart. Der Anhang mit Sachinformationen belegt diese Beobachtung.

Was einem Teil der Leser- und Autoren-Generation auf den Nägeln brennt – Unterentwicklung, Leistungsdruck übertechnisierter Gesellschaften, Umweltzerstörung, Selbstverwirklichung der Frauen, Wunsch nach psychischer Entlastung durch fernöstliche Religionen –, wird in der Zukunft Lösungen nahegebracht, die dem heute als progressiv definierten Programm entsprechen. Die Geschichte lehrt, daß die Zukunft selten so direkt und gradlinig auf die Vergangenheit antwortet.

Hetmann und Tondern haben Doris Lessings Weltuntergangs-Vision "Shikasta" sorgfältig gelesen, in ihrem Buch jedoch auf die Apokalypse verzichtet. Im Jahre 2010 arbeitet Thomas als Ingenieur in China. Sein Sohn schwänzt in Los Angeles wegen eines Fantasy-Music-Konzertes die Aufnahmeprüfung einer Privat-Universität. Britta pendelt als Ökologin eines Sahara-Projektes zwischen der Oase Kadahr und Sitzungen der Weltregierung in Manhattan. Daß der auf diese Weise entworfene Denk- und Lebensstil der Zukunft für eine kleine Gruppe international tätiger Künstler, Experten, Politiker, Wissenschaftler, Manager und Jet-Setter Wirklichkeit ist, daß man sich also nicht so sehr in die Zukunft als vielmehr in die Welt der "happy few" träumt, ist den beiden Autoren vielleicht gar nicht bewußt geworden.

Für den Leser bleibt ein anziehendes, intelligentes Gedankenspiel mit den Konstanten, Variablen und Unsicherheiten menschlicher Lebensentwürfe und gesellschaftlicher Entwicklung.

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Eine Armengasse im Izmir der dreißiger Jahre: Kurden, Juden, Zigeuner, vor allem aber aus Jugoslawien rückgewanderte Türken bevölkern mit ihren großen, kinderreichen Familien die winkligen, vernachlässigten Häuser und Höfe.

Die Väter arbeiten als Altwarenhändler, Lastträger, Badediener und Straßenverkäufer. Die Frauen ruinieren für ihre Familie Gesundheit und Aussehen bei Saisonarbeit in vorsintflutlich organisierten Tabakbetrieben.

Doch der seit 1973 in der Bundesrepublik tätige türkische Autor hat keine vordergründige Sozialtragödie geschrieben. Bei aller Not, Krankheit, Sorge und Unbildung funktioniert der kleine Kosmos in Atatürks Staat zwischen Tausendundeiner Nacht und Industriegesellschaft –

Reşat Karakuyu: "Die Leute aus der Kahramangasse"; Express Edition, Berlin; 2 Bände, 255, 253 S., 39,80 DM.

Familientradition und moslemischer Glaube, Solidarität der Armut und Lebenslust halten die Menschen am Leben und die Achtung vor dem Nächsten aufrecht. Sie garantieren der Hauptperson zahlreicher Episoden während des Jahrzehnts zwischen 1933 und 1943, dem kleinen und später halbwüchsigen Köse Geborgenheit in der Familie, Zugehörigkeit in Religionsgemeinschaft und Freundeskreis, Persönlichkeitsentfaltung in zahllosen Konflikten und wenigen Glücksmomenten.

In der Kahramangasse wird gemordet und gestohlen, gesoffen und gehurt. Schändung, Selbstmord und Hinrichtung sind Kindern und Jugendlichen vertraut. Doch die immerwährende Fürsorge von Müttern und Großmüttern, das abendliche Gespräch, die sorgfältig vorbereiteten bescheidenen Feste, der unschuldige Leichtsinn glücklicher Stunden und die demütige Schicksalsergebenheit im Leid dämpfen die greifen Schlaglichter der Gewalt.

Die pockennarbige Mutter Hasibe, das verliebte, glückbringende Mädchen Necmiye, die uralte Tante Kamile prägen diese Welt im kleinen ebenso wie der pfiffige Limonadenverkäufer Nelken-Nehmet, der sanfte Ringkämpfer Ahmet und eben Kose, Sohn Hasibes und alter ego des Autors. Reşat Karakuyu hält das Gleichgewicht materieller Not und emotionalen Reichtums, latenter Bedrohung und gefestigten Vertrauens erzählerisch nur dadurch aufrecht, daß er auf Psychologie, inneren Monolog und differenzierte Charakterzeichnung verzichtet. Er schildert die Menschen der Kahramangasse so, wie man von ihnen einem Kind erzählen würde, das fast alles wissen darf und erfassen kann.

Dabei entsteht ganz unprätentiös das Bild einer hierzulande unbekannten oder vergessenen Kultur – die jüngste Vergangenheit unserer türkischen Mitbürger.

Im Gegensatz zu vielen bemühten Kinder- und Jugendbüchern über Herkunft, Tradition und Lebensweise von Gastarbeitern wird hier eine fremde Kultur authentisch und eindrucksvoll demonstriert und nicht mit pädagogischer Absicht recht und schlecht erklärt.

Als der Zweite Weltkrieg beginnt, Atatürk stirbt und die Männer der Kahramangasse eingezogen werden, geht Allahs Todesengel Azrail durch die Gasse. Kösel und seine Eltern überleben. Doch das verletzliche Paradies seiner Kindheit gibt es nun nicht mehr – er muß wie jeder junge Leser erwachsen werden.

Birgit Dankert