Von Dietrich Strothmann

Amman, im November

Als wäre nichts geschehen: Jassir Arafat zeigt sein altes Siegerlächeln, sein vertrautes Siegeszeichen mit den zum großen "V" gespreizten Fingern. Als hätten ihn nicht die Israelis aus Beirut, die Syrer nicht aus Tripolis verjagt, als hätte ihn nicht Präsident Hafis el Assad aus Damaskus vertrieben. Vergessen scheint, daß seine "alten Kameraden" vom marxistischen Flügel der Palästinensischen – Befreiungsfront (PLO) ihm längst den Laufpaß gaben, ehemalige Fatah-Mitstreiter gegen ihn rebellierten, daß Tausende "seiner Soldaten" nach der verlorenen, verlustreichen Schlacht im Libanon in alle arabischen Winde verstreut wurden.

Als wäre dies alles nicht gewesen in den letzten zwei Jahren, feiert Jassir Arafat in Amman wieder seine Triumphe. Es ist freilich – bei genauem Hinsehen, über allen blendenden Augenschein hinweg – doch ein anderer Arafat. Noch im August 1982, als er Beirut vor der israelischen Übermacht auf dem gecharterten Luxusliner "Atlantis" verlassen mußte, hatte er sich selbstbewußt mit einem Phönix verglichen, der immer wieder der Asche entsteige. Er ist, auch nach seiner schmachvollen Flucht aus Tripolis, noch immer ein Phönix, aber mit gestutzten Flügeln.

Die rund 260 Delegierten des 17. Palästinensischen Nationalkongresses erheben sich von ihren Plätzen. Rhythmisches Händeklatschen schallt von den Wänden des Kulturpalastes wider, durchbrochen vom frenetischen Jubel. Gerade hat ein Abgesandter Tansanias vom Rednerpodium in die weite Rundhalle seine Parole gerufen: "Lang lebe Palästina! Lang lebe der palästinensische Befreiungskampf!" Anders als der übrige Text der Begrüßungsrede des hochgewachsenen Afrikaners brauchen diese alten Schlachtrufe nicht erst ins Arabische übersetzt zu werden. Alle verstehen sie sofort. Da springt der kleine, rundliche Jassir Arafat von seinem Sitz in der ersten Reihe auf, erklimmt die Bühne, umarmt und küßt den tansanischen Gast und hält mit ihm zusammen das mitgebrachte Geschenk für die blitzende Schar der an die Rampe vordrängenden Kameramänner in die Höhe: ein gerahmtes Großphoto, das Arafat Hand in Hand mit Präsident Nyerere zeigt. Es ist ein Bild aus vergangenen, glücklichen Tagen.

Wie der neue Jassir Arafat da oben steht, vor den zusammengehängten Farbposters, die ihn und den König wie zwei Brüder zeigen, in seiner schniegelglatt-gebügelten erdbraunen Uniform, die unvermeidliche Pistole an der Hüfte baumelnd, das schwarzweißkarierte Kopftuch kunstvoll über die Glatze geschlungen, mit seinem strahlendem Lächeln, den leuchtenden Augen, dem altväterlichen Stoppelbart, ist er beinahe der alte Jassir Arafat, den nichts umbringt, nichts umwirft. Und als er sich am Tag zuvor artig und höflich bei König Hussein bedankte, der den Kongreß mit einer großen Rede eröffnet hatte, wenn er danach während der Diskussion seinen Arm hochreckte, um in die Debatte einzugreifen, an das Mikrophon trat und in kühner Manier seinen Einwurf vorbrachte, dann war jedem klar: dieser Jassir Arafat ist noch immer der Führer der Palästinenser, allen Niederlagen, Fehlschlägen und Enttäuschungen zum Trotz.

Aber die Konferenz der palästinensischen Delegierten war nicht nur eine Festveranstaltung nach Wochen und Monaten heftiger Kontroversen und Machtkämpfe. Es hatte, ehe der immer wieder verschobene, lang blockierte Kongreß dank der Einladung durch den jordanischen König endlich zusammentreten konnte, zunächst so ausgesehen, als müßte Jassir Arafat eine neue Schlappe einstecken. Erst einmal fehlten die Abgeordneten aus den besetzten Gebieten; die israelischen Militärbehörden hatten ihnen – nicht unerwartet – die Ausreise nach Amman verweigert. Schmerzlicher waren schon die Absagen aus Algerien und dem Nordjemen, schmerzlicher und noch bedrückender die Abwesenheit der "alten Waffenbrüder" Habasch und Hawatme mit ihren in der PLO zusammengeschlossenen Organisationen, die im feindlichen Damaskus stationiert sind. Vermißt wurden schließlich auch die offiziellen Abgesandten aus Moskau und den übrigen osteuropäischen Hauptstädten, mit Ausnahme Rumäniens, die sonst stets an diesen Konferenzen teilgenommen hatten, sich diesmal aber nicht engagieren mochten.