Die neuen Annäherungsbemühangen der beiden koreanischen Staaten sind wieder gefährdet. Bei einem Gefecht an der Grenze wurden drei Nordkoreaner und ein Südkoreaner getötet.

Ein junger Sowjetbürger löste den schweren Zwischenfall aus. Der 22jährige Wassili Matusok, Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in Pjöngjang, nutzte einen Besuch im Grenzdorf Panmunjon zur Flucht aus dem kommunistischen Machtbereich – so war er drei Tage nach dem Grenzdrama auf einem Videofilm zu vernehmen, der in einem amerikanischen Militärkrankenhaus in Seoul aufgenommen worden war. Der Ausflug nach Panmunjon sei seine erste Gelegenheit zur Flucht in den Westen gewesen, und die habe er beherzt ergriffen: "Ich glaube, niemand dort konnte annehmen, daß ich etwas anderes tat als zu fliehen. Sie wußten wohl gleich zu Anfang, daß ich vor ihnen weglief."

Matusoks Aussage richtet sich gegen die nordkoreanische Version der Ereignisse: Der junge Russe, so sagten die Vertreter des kommunistischen Korea in der Waffenstillstandskommission, sei aus Versehen ein paar Schritte über die Demarkationslinie getreten; südkoreanische und amerikanische Soldaten hätten ihn prompt auf ihr Gebiet geschleppt, so daß den Nordkoreanern gar nichts übrig blieb, als zur Rettung Matusoks ebenfalls die Linie zu überschreiten; der Übermacht illegal bewaffneter Südkoreaner und Amerikaner seien sie freilich nicht gewachsen gewesen.

Unstreitig ist also nur, daß Soldaten des Nordens die Grenzlinie überschritten, die in Panmunjon, dem von seinen Einwohnern längst verlassenen Grenzdorf, durch Häuser hindurch und quer über den berühmten Verhandlungstisch der Waffenstillstandskommission verläuft. Die Nordkoreaner sind nach amerikanischen Angaben ungefähr 130 Meter über die Grenze vorgedrungen, haben also aller Wahrscheinlichkeit nach den Flüchtling durch eines der Häuser und den Vorplatz verfolgt. Dann schossen beide Seiten aufeinander – mit Maschinengewehren, die dem Waffenstillstand zufolge in der kleinen Sicherheitszone rund um den Verhandlungstisch von Panmunjon nichts zu suchen haben. Die Maschinengewehre des UN-Kommandos (also der Amerikaner und Süd-Koreaner) seien außerhalb der Sicherheitszone, postiert gewesen, versicherte der amerikanische Konteradmiral Horne seinen nordkoreanischen Gegenübern in der Waffenstillstandskommission unweit des blutigen Gefechts; erst als die Nordkoreaner zu schießen begannen, seien die schweren Waffen zum Einsatz gekommen. Der nordkoreanische Generalmajor Lee schimpfte über den angeblichen Menschenraub; und nannte seine Gesprächspartner "Verbrecher" – nicht ungewöhnlich am Konferenztisch in Panmunjon, aber kein gutes Vorzeichen für die Entspannungsbemühungen zwischen Seoul und Pjöngjang. HJG