Das "Beste für den Patienten" erstreben sie alle: Gesundheitsminister Heiner Geißler, die Kassen, die Ärzte und deren Standesvertretungen. Auch über den Weg, wie das Bessere zu erreichen ist, herrscht Einigkeit: Mehr praktische Qualifikation sollen die Mediziner für den Dienst am Kranken mitbringen. Nicht nur Ärztefunktionäre, auch die Medizinstudenten klagen seit Jahren über das theoriebefrachtete Studium.

Nach den Gesetzesplänen Heiner Geißlers soll sich die Medizinerausbildung nun ändern: Nach dem Universitätsexamen muß der Ärztenachwuchs künftig zwei Jahre als "Arzt im Praktikum" unter Anleitung von erfahrenen Kollegen die Berufspraxis erlernen. Erst nach dieser Zeit erhält der Mediziner die Approbation.

Gegen diese geplante Regelung protestierten in der vergangenen Woche Medizinstudenten, eine Studentenschaft also, die doch sonst eher für politisches Wohlverhalten bekannt ist. Rund 10 000 bis 12 000 angehende Ärzte demonstrierten in Bonn unter der Parole "Inhalte statt Hinhalte" und gegen die "Gefährdung der Patientenversorgung". Während der Aktionstage gegen die Hochschulrahmengesetzänderung führten Mediziner Diskussionsrunden durch und Anfang Dezember, vor der dritten Lesung des Gesetzentwurfs, wollen sie fünf Minuten vor zwölf Uhr die Arbeit niederlegen und gesammelt schweigen. Aktionisten beschmierten gar die Haustür des medizinischen Vizepräsidenten der Freien Universität Berlin, nachdem dieser an die Studenten appelliert hatte, ihren "Lernboykott" aufzugeben. Eine vom Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) durchgeführte Abstimmung an den Unis gegen die Novellierung der Bundesärzteordnung ergab (mit einer überraschend hohen Beteiligung) eine absolute Mehrheit gegen Geißlers Pläne.

Ob durch die Gesetzesnovelle bessere Ärzte ausgebildet werden, bezweifeln nicht nur Studenten, sondern auch Vertreter der Krankenkassen. Bislang ist nämlich ungeklärt, wie teuer der Arzt im Praktikum wird und woher die notwendigen Praktikumsstellen für angehende Ärzte kommen sollen. Rund 12 000 Studenten verlassen jährlich die medizinischen Fakultäten. Hauptsächlich in Krankenhäusern müßten für diese Aspiranten Praktikumsplätze bereitgestellt werden. Dabei können schon heute Assistenzärzte kaum an den Kliniken unterkommen. Studenten sehen daher Wartezeiten von mehreren Jahren auf sich zukommen.

Der Familien- und Gesundheitsminister hat errechnet, wie die Ärzte zum Praktikum finden: Die 5000 jährlich frei werdenden Assistenzarztstellen sollen danach künftig mit etwa drei Ärzten besetzt werden (diese müssen sich allerdings nicht nur die Stellung, sondern auch das Gehalt teilen), weitere 2000 Stellen sollen niedergelassene Ärzte freiwillig zur Verfügung stellen und die restlichen 7000 Ärzte auf Probe könnten Gesundheitsämter und Bundeswehr unterbringen. Doch an den Zahlen zweifeln die jungen Mediziner: Tatsächlich würden nur 2000 Assistenzärzte die Krankenhäuser verlassen.

Während der Ärzteverband Hartmannbund Vorteile für die Qualifizierung der Jungärzte sieht, weil das zweijährige Praktikum auf die Facharztausbildung angerechnet werden kann, fürchten die Studenten, daß durch die Umwandlung der Assistenzarztstellen die Weiterbildung leiden könnte. "Die meisten Ärzte bekommen ja nach ihrem Praktikum keine Assistenzarztstelle, weil die dann wegrationalisiert ist und sind so gezwungen, sich ohne Facharztausbildung niederzulassen meint Sabine Mahnke vom VDS-Fachsekretariat Medizin. Die Gesetzesnovelle hätte nur den Zweck, eine ominöse Ärzteschwemme zu verhindern, "sonst müßten die Ärzte ihr Einkommen ja künftig mit einigen Kollegen teilen".

Dörte Schubert