Von Dörte von Westernhagen

Kalt ist es hier oben auf dem Deich von Schillighörn, dem nordöstlichen Zipfel Ostfrieslands. Der Wind pfeift. Zu sehen ist nichts. Jedenfalls fast nichts. Gerade deswegen bin ich gekommen. Wo, außer im Winter an der Küste, kann man das Nichts sehen? Nach dem schmalen Deichvorland ein breiter Streifen Sand, danach Schlick und Watt und erst weit hinten als grauer Strich die See; Horizont und Himmel im winterlichen Dunst verschmolzen. Es ist Hohlebbe, der tote Punkt zwischen den Gezeiten. Wenn der Wind nachläßt, kein Laut, kein Möwenruf – Stille.

Genaugenommen gehört Schillighörn zum Jeverland und nicht zu Ostfrieslana. Aber da der Küstenstrich zwischen Jade und Dollart im äußersten Nordwesten der Bundesrepublik geographisch eine Einheit bildet, wissen nur die Einheimischen, daß westlich von Carolinensiel eine alte Grenze nach Süden verläuft. Der Fremde ahnt nichts davon, schließlich unterscheiden sich Marschen und Kühe beiderseits durch nichts. Die niedersächsische Gebietsreform hat denn auch vor knapp zehn Jahren Oldenburger, Ostfriesen und Emsländer nüchtern-bürokratisch im Regierungsbezirk Weser-Ems vereint.

Die schändlichen Ostfriesenwitze müssen sowieso alle gemeinsam ertragen. Aber daraus macht sich keiner was, getreu dem alten Schnack: "Im Norden das Meer, im Westen die Grenze, im Süden das Moor, im Osten die Vorurteile." Wer früher die Landesgrenzen verließ, sagte: "Ich fahre nach Deutschland." Man lebte und lebt mit dem Gefühl, "wat besünners to ween" – was Besonderes zu sein, wozu auch die Sprache, das ostfriesische Platt, beiträgt.

Von Schillighörn über die Küstenstraße nach Westen. Den Fahrdamm säumen magere Bäumchen, die auch bei Windstille in Windrichtung geneigt bleiben. Rechts und links der Straße breiten sich unabsehbar die Marschen aus. Im Sommer gibt es hier leuchtende Tage mit riesigen Himmeln. Heute steht die Sonne wie ein orangefarbener Pfennig am Himmel, im gelblich-fahlen Dunst des Wintertages tauchen hier und da mächtige Silhouetten baumumstandener Höfe auf, tief gestaffelt, in der Ferne blasser werdend, vermitteln sie einen Eindruck von der Tiefe und Weite dieser Landschaft.

In Neuharlingersiel, einem der Bade- und Fischerorte an der Costa Granata, so genannt nach dem plattdeutschen Wort für Krabben, erwartet mich Willy Jakobs. An der Küste ist er als Willy Heimat bekannt, denn "Heimat" hieß sein Fischkutter. Er hat ihn vorletztes Jahr nach Carolinensiel in den Museumshafen verkauft. Nicht, weil die Krabben ausgeblieben waren, das kommt immer mal vor, sondern weil sein rechtes Auge nicht mehr recht will.

In dem Backsteinhäuschen am Sieltief hat es mittags Fisch gegeben. Frau Jakobs lüftet noch mal schnell, stellt Tee, Sahne und Kluntjes bereit, dann erzählt Willy. Über 40 Jahre ist er zur See gefahren, so wie seine Vorfahren, die vor 200 Jahren hier ansässig geworden sind. Obwohl die Küsten- und die kleine Hochseefischerei es wegen steigender Dieselpreise, Wasserverschmutzung und eingeschränkter Fanggründe schwerhaben, liegt in den kleinen Häfen längs der Küste – Greetsiel, Dornumersiel, Bensersiel, Neuharlingersiel – immer noch eine ansehnliche Kutterflotte. Nicht nur malerischer Anziehungspunkt für Touristen, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Im Frühjahr und Herbst geht es zum Krabbenfang, ab Mai bis Ende August dann auf Scholle und Seezunge.