Von Nina Grunenberg

Wie Ministerpräsident Holger Börner in Hessen den grünen Tiger reitet und von ihm abgeworfen wird – diese Zirkusnummer schlägt viele in Bann. Weniger Aufmerksamkeit erregte bisher die Parallelveranstaltung, die Georg Kronawitter, ebenfalls SPD, seit einem halben Jahr in München gibt.

Seit den bayrischen Kommunalwahlen im März haben SPD und CSU im Münchner Rathaus gleichermaßen nur je 35 Stimmen. Die FDP, deren Fraktion auf vier Mitglieder geschrumpft ist, fällt als Mehrheitsbeschafferin aus ("Gell, auf euch kommt’s nimmer an", so verhöhnte ein SPD-Stadtrat, der sich nicht länger zurückhalten mochte, die FDP-Fraktionscnefin Cornelia Schmalz-Jacobsen).

Anders als Holger Börner in Hessen hat Kronawitter sich nicht für eine rot-grüne Mehrheit entschieden. Er bevorzugt das Spiel mit wechselnden Mehrheiten – und meistert es mit einer Bravour, die niemanden glücklich macht, außer ihn selber. Die Nagelprobe auf die Arbeitsfähigkeit des Münchner Stadtrats war in der vergangenen Woche die Verabschiedung des Sechs-Milliarden-Haushalts für 1985. In einem Akt der Selbstüberwindung, der beiden gleich schwer fiel, brachten SPD und CSU ihn "im Interesse der Stadt" gemeinsam unter Dach und Fach.

Für Kronawitter war das ein persönlicher Triumph, aber die Sänger, die sich bei solchen Ereignissen sonst immer einstellen, schwiegen diesmal. Als er im Frühjahr das Münchner Rathaus zurückeroberte, war das für den SPD-Parteivorsitzenden Willy Brandt noch Anlaß genug, hochgemut festzustellen, die SPD sei nun wieder dabei, "die Positionen von den Städten und Gemeinden her und über die Länder wieder aufzubauen". Auf Anfrage gibt SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz diesmal nur die Auskunft, daß "in München sicherlich nicht die Bonner Koalition von 1987 vorbereitet wird".

Das hoffen auch die jungen Lokalredakteure, die den Grünen in der Regel näherstehen als den Roten. Georg Kronawitters Kunststücke mit wechselnden Mehrheiten machen ihnen keine Laune. Der Dressurakt ist ihnen zu altmodisch; daß er Erfolg hat, stört sie nicht. Aus Umfragen wissen sie, daß zwei Drittel der Wähler, die grün wählten, auf ein rot-grünes Bündnis im Münchner Rathaus gehofft hatten.

Dennoch hat sich die SPD die "Koalition der Lust", der viele Genossen nachhängen, von Georg Kronawitter noch jedesmal wieder ausreden lassen. Auf die "Koalition der Vernunft", zu der er sie statt dessen überredet, lassen sie sich nur ein, weil sie den Krieg satt haben. Aber bluten müssen die Genossen auch jetzt. Das erste Opfer, das ihr Oberbürgermeister nach der Wahl von ihnen verlangte, war die Wahl eines CSU-Mannes auf dem Posten des zweiten Bürgermeisters. Nach dem arroganten und bis zum Schluß uneinsichtigen Regiment der CSU im Münchner Rathaus war das eine Zumutung. Aber Kronawitter blieb hart: Er hatte nicht sechs Jahre lang um die Rückkehr auf den Sessel des Münchner Oberbürgermeisters gekämpft, um anschließend von den Grünen abhängig zu werden.