Von Matthias Horx

Frankfurt a. Main

Das politische Zentrum der Republik ist die Stadt mit den höchsten Hochhäusern gewiß nicht; dennoch gingen von hier Signalwirkungen aus. Als vor nunmehr fast acht Jahren eine gerupfte Sozialdemokratie durch den immerwährenden Lächler Walter Wallmann in die Knie gezwungen wurde, war dies eine wichtige Marke auf dem Weg der Konservativen ans Bonner Ruder – sie eröffnete den Siegeslauf der CDU auf kommunaler Ebene. Am Ruin der Frankfurter Sozialdemokraten (die sich bis heute nicht recht erholt zu haben scheinen) war damals eine heftige Hausbesetzer-Bewegung nicht unschuldig. Berliner Verhältnisse, fünf Jahre vordatiert.

"Die meisten von euch kennen mich ja aus dem Häuserkampf", sagt denn auch Winnie Hamann, einer der Bewerber für den Römer bei seiner Vorstellung vor den zwei- bis dreihundert Parteimitgliedern der Grünen, die über die Kandidatenliste für die Kommunalwahl im März nächsten Jahres abstimmen sollen. "Ich habe mich danach ein paar Jahre in die Studierstube zurückgezogen und bin erst vor zwei Monaten in die Grünen eingetreten. Ich weiß, daß einige Leute mir das übelnehmen, aber ich bin ja nicht der einzige."

In der Tat. Während die Frankfurter Ortsgruppe der Grünen über Jahre hinweg eher schläfrig wirkte und stets im Schatten der erzfundamentalistischen Römer-Fraktion stand (deren auf Provokation angelegte Politik von der Öffentlichkeit inzwischen kaum noch wahrgenommen wird), ist jetzt, vier Monate vor den Kommunalwahlen, Bewegung in die grüne Ortsbasis gekommen. Die Mitgliederversammlungen verzeichnen eine sprunghaft steigende Zahl von Eintritten – viel mehr als 200 Parteigrüne gab es bislang nicht in der 750 000 Einwohner großen Stadt – in den letzten zwei Wochen dürfte sich die Mitgliederzahl verdoppelt haben.

Das plötzliche Interesse ist einer höchst realpolitischen Einschätzung zu verdanken: Walter Wallmanns Stern scheint zu sinken angesichts der trotz polierter Fassaden nicht kleinzuhaltenden Probleme der Stadt; nach der Kommunalwahl im März könnte die CDU ihre absolute Mehrheit verloren haben, die trotz Volker Hauff noch konzeptionslos wirkende SPD zusammen mit den Grünen die numerische Majorität stellen. Für viele politisch Heimatlose aus der reichhaltigen linken Szene Frankfurts ist Volker Hauff geradezu ein Wunschkandidat für ein rot-grünes Zusammengehen im Kommunalparlament. Ein Technokrat, so heißt es, sei berechenbarer als ein schwankender Riese wie Börner. Zumal, wenn er an der Spitze einer SPD stehe, die seit acht Jahren chronisch kränkelt, sei hier mehr an grüner Politik herauszuholen als anderswo.

Vor allem die alte Sponti-Garde, die in Frankfurts Szene schon immer den Ton angab, sucht heuer den Weg in die Partei – eben die Spontis, deren Abneigung gegen Parteien (jedweder Art) fast schon sprichwörtlich ist.