Selten hat ein Buch unmittelbar nach seinem Erscheinen ein derart großes Aufsehen erregt wie der "Judenstaat" Theodor Herzls. Sein Autor wurde über Nacht zu einer der umstrittensten Persönlichkeiten der gesamten jüdischen Öffentlichkeit. Aber auch in vielen nichtjüdischen Kreisen entbrannte nun eine heftige Kontroverse um den in dieser Schrift angebotenen Lösungsversuch der Judenfrage. Der Ruhm, auf den Herzl als Bühnenautor und Feuilletonist seit Jahren vergeblich gewartet hatte, war nun da. Diesmal ging es Herzl aber keineswegs um die Befriedigung schriftstellerischer Eitelkeit. Im Gegenteil, er setzte sein ganzes bis dahin erworbenes Ansehen aufs Spiel und lief Gefahr, als falscher Prophet verspottet und angefeindet zu werden. Und trotzdem, ähnlich wie viele Reformer vor ihm, "stand er hier und konnte nicht anders". Der Weg, den Herzl von da an gehen sollte, wurde von ihm selbst in seinem Zionistischen Tagebuch minuziös dokumentiert und kommentiert. Der erste Teil dieser ungewöhnlichen Schrift liegt jetzt in der auf sieben Bände geplanten Ausgabe der Briefe und Tagebücher Herzls vor:

Theodor Herzl: "Briefe und Tagebücher"; hrsg. von Alex Bein, Julius H. Schoeps; Bd. 2. Zionistisches Tagebuch 1895-1899; bearb. von Johannes Wachten, Chaya Harel. In Zusammenarbeit mit Daisy Tycho, Sofia Gelman, Ines Rubin, Manfred Winkler; Propyläen Verlag, Berlin 1984; 992 S., 158,– DM.

"Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Werk, das von unendlicher Größe ist... seit Tagen und Wochen füllt es mich aus bis in die Bewußtlosigkeit hinein, begleitet mich überallhin ... stört mich und berauscht mich." Diese ersten Sätze des Zionistischen Tagebuches vom Mai 1895 geben die Stimmung wieder, in der Herzl seinen Plan zur Wiedergeburt eines jüdischen Staates entwarf. Die Niedergeschlagenheit der letzten Jahre, als er die Lage der europäischen Juden für beinahe ausweglos gehalten hatte, war verflogen.

Herzl meinte, mit seinen Ideen Neuland betreten zu haben. Von seinen Vorgängern, wie von Leon Pinsker oder von Nathan Birnbaum, die ebenfalls die Gründung eines jüdischen Staates geplant hatten, um dem Antisemitismus zu entrinnen, wußte er noch nichts. Erst nachdem Herzl seinen "Judenstaat" geschrieben hatte, bekam er die Schrift Pinskers "Autoemancipation" in die Hände, die ihn sehr beeindruckte. Er notierte allerdings am 10. Februar 1896, es sei gut, daß er sie nicht gekannt habe; sie hätte ihn vielleicht davon abgehalten, sein Buch zu schreiben.

Man muß indes sagen, daß der Entwurf Herzls zur Lösung der Judenfrage kühner und umfassender war als alles, was bis dahin in dieser Richtung unternommen worden war. Ihm schwebte im Grunde ein neuer "Auszug aus Ägypten" vor. Herzl war sich der Sprengkraft seiner Idee durchaus bewußt. Allerdings blieb er zunächst seinem konservativen Naturell treu und wollte eine Art "Revolution von oben" durchführen. Er versuchte, solchen jüdischen Finanzmagnaten, wie dem Baron Hirsen oder den Rothschilds, die Leitung des ganzen Unternehmens anzubieten. Der Plan Herzls stieß jedoch bei der jüdischen Geldaristokratie auf völlige Ablehnung.

Aber nicht nur sie, sondern auch die überwältigende Mehrheit der etablierten westeuropäischen Juden wandte sich gegen die Idee einer jüdischen Staatsgründung. Düren sie werde all das gefährdet, was die Juden seit dem Beginn der Emanzipationszeit erreicht haben. Zwar wollen die Antisemiten diese Emanzipation wieder rückgängig machen, trotzdem glaubte die überwiegende Mehrheit der west- und mitteleuropäischen Juden nicht an das Gelingen dieses Vorhabens: Der Fortschritt sei nicht aufzuhalten. Die Warnung Herzls: "man wird euch nicht mehr in Ruhe lassen", wurde von ihnen nicht akzeptiert; dies hätte einen gänzlichen Zusammensturz ihres bisherigen Weltbildes zur Folge gehabt. Den Zionismus hielten sie für eine Art Kapitulation vor dem Antisemitismus und vor dessen These, die Juden seien nicht integrierbar in die Nationen, in denen sie lebten.

Die ablehnende Reaktion der etablierten westeuropäischen Juden schmerzte Herzl zutiefst. Der Ton des Tagebuches wurde immer weniger überschwenglich. Da die paternalistische Lösung der Judenfrage keine Aussicht auf Erfolg bot, sah sich Herzl gezwungen, seine Idee von unten zu propagieren. Den Rothschilds ließ er am 17. Juli 1896 ausrichten: "Ich will keine demagogische Bewegung, obwol ich auch im Nothfalle bereit bin, sie zu machen. Die Consequenzen werden freilich schwere sein."