Von W. Martin Lüdke

Gottlob Theodor Pilz (1789-1856) hat bis heute nicht die Beachtung gefunden, die er, ohne Zweifel verdient, zumal heute. Auch der große Essay von Wolfgang Hildesheimer, der wohl spektakulärste Beitrag zum Pilzjahr 1956, hat, obwohl mehrfach nachgedruckt, daran nichts zu ändern vermocht. Gerade deshalb ist es nur konsequent, daß Hildesheimer, der den Wandlungen des Zeitgeistes, dieser kurzatmigen Abfolge von intellektuellen Trends und Moden niemals zugeneigt war, an seinen Gottlob Theodor Pilz festhält und auch in dem neuen, eben erschienenen Buch wieder an dieses Versäumnis der deutschen Geistesgeschichte erinnert, an Pilz, dessen selbstlos aufopfernde Bemühungen, dessen "Beitrag zur Geschichte der abendländischen Kultur".

Natürlich spielt hier auch Hildesheimers eigene Lebensgeschicnte mit hinein, seine eigenen, weitgesteckten Ansprüche, das Scheitern, seine hohen Erwartungen, die Resignation. Schon seinerzeit hatte Hildesheimer über Pilz (den letzten erhaltenen Brief – "Abschluß und Bilanz seines Wirkens") geschrieben: "Zwischen den Zeilen klingt die Enttäuschung, daß er keine Schüler hinterläßt, die in seinem Sinne weiterarbeiten." Um so mehr gilt das heute: die Enttäuschung ist Hildesheimer abzulesen, nicht nur zwischen den Zeilen.

Natürlich kennt Hildesheimer die Gründe, weshalb Pilz bis in unsere Tage unterschätzt wird. "Das ist nicht verwunderlich", sagt er ganz offen, denn Pilz war "weniger ein Schöpfer als ein Dämpfer", sein Beitrag zur Kulturgeschichte kommt gerade "in der Nichtexistenz von Werken zum Ausdruck", seine ganze Anstrengung galt der Verhinderung. Entsprechend wird Pilz’ Maxime "Mehr Worte, weniger Taten!" bis heute von den "Machern" in allen Bereichen der Gesellschaft geradezu systematisch unterdrückt.

Das macht die Resignation verständlich, das erklärt die Enttäuschung. Nur: "Diese Geschichte", so Hildesheimer heute, "vor mehr als dreißig Jahren geschrieben, war ein Scherz", die "Parodie" des überlieferten biographischen Stils, eine "Satire" auf den Kulturbetrieb. "Damals habe ich es mir leichtgemacht, weil man es sich leichtmachen konnte."

Doch die Zeiten haben sich verändert, nicht nur zum besseren. Seine "Marbot"-Biographie, das große Spätwerk, sei, auch wenn es so mancher mißverstanden habe, kein Scherz gewesen. "Ich weiß", heißt es in dem Vortrag "Arbeitsprotokolle des Verfahrens ‚Marbot‘", "daß ich mir mit ihm die Möglichkeit verstellt habe, jemals wieder ein erzählendes Buch zu schreiben." Die "Mitteilungen an Max über den Stand der Dinge und anderes" (1983) widersprechen dem nicht, im Gegenteil, denn die Herkunft dieser Texte, ob sie auf Kalau, Luckau oder Calembourg zurückgehen, sei dahingestellt, zeigt an, wie bitterernst der Witz zu nehmen ist (was ihm, gottlob, nicht schadet).

Die Zeiten haben sich verändert. In den dreißig Jahren, die zwischen dem Beitrag zum Pilzjahr und der Marbot-Biographie liegen, hat sich Stück um Stück, mit beeindruckender Konsequenz, ein Abschied "vollzogen", nicht von der Literatur (glücklicherweise!), doch von der – fiktionalen – Erzählung. Hildesheimers "Marbot", diese vermeintliche Biographie, kann nur als Potenzierung des Scheins verstanden werden, von dem das ästhetische Gebilde gezehrt hat, so lange noch eine Differenz von Schein und Realität unterstellt werden durfte. Deshalb stellt "Marbot" tatsächlich einen Endpunkt dar, der nicht zu überschreiten, allenfalls (mit "Mitteilungen an Max" und andere) zu umgehen ist. Die Gestalt des englischen Kunsttheoretikers Sir Andrew Marbot (der übrigens, wie Hildesheimer, ein gescheiterter Künstler, nämlich Maler, war; auf solche Parallelen zur eigenen Lebensgeschichte weist der Autor ausdrücklich hin), diese fiktive Gestalt, eingelassen in die europäische Kulturgeschichte an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, hat gleichsam rückwirkend noch die reale Geschichte als Fiktion denunziert. "Marbot" ist die Konsequenz einer Entwicklung. Was Hildesheimer die "Funktion" der Literatur nennt, die Fiktion zu Wahrheit zu machen, läuft danach ins Leere, weil die Möglichkeit der Unterscheidung aufgehoben ist.