Von Heinz Josef Herbort

Als der Dr. Ludwig Alois Ferdinand Ritter von Köchel 1862 sein "Chronologisch-Thematisches Verzeichnis sämtlicher Tonwerke Wolfgang Amade Mozarts nebst Angabe der verlorengegangenen, angefangenen, übertragenen, zweifelhaften und unterschobenen Kompositionen" vorlegte, konnte er kaum ahnen, daß damit sein Name eines Tages ebenso häufig genannt würde wie der des Komponisten selber: Seine Anordnung und fortlaufende Numerierung der Werke wurde zu einer Kennzeichnung, die präziser noch als viele Titel jedes Stück unverwechselbar und eindeutig benannte.

Kochel hatte indessen schon in seinem Vorwort eingestehen müssen, daß von den 626 aufgeführten "vollständigen Tonwerken" immerhin 280 "der Zeit nach nicht völlig oder gar nicht sichergestellt" waren. Da sein Verzeichnis aber auf der Chronologie als Prinzip angelegt war, mußte zwangsläufig jedes neue Forschungsergebnis, das einem Stück einen anderen Entstehungszeitpunkt zuwies, auch Köcheis Ordnung durcheinander werfen.

Schon Paul Graf von Waldersee, der 1905 die zweite Auflage herausgab, eliminierte zehn Werke, die sich als nicht echt oder als Teile anderer Werke erwiesen hatten, fügte andererseits elf als authentisch erkannte hinzu. Die dritte Auflage, 1937 durch Alfred Einstein vorgelegt, von ihm 1947 noch einmal mit "Berichtigungen und Zusätzen" versehen, zeigt in seiner Neuordnung, daß – wenn ich richtig gezählt habe – 483 Werke anders zu datieren und damit an einer anderen Stelle zu setzen waren. Schließlich wird selbst heute niemand garantieren, daß nicht neue Funde und neue Forschungen auch die von Franz Giegling und anderen "bearbeite und ergänzte" sechste Auflage in ihrer Chronologie noch einmal verändern werden. Gleichviel sind Köcheis alte Bezeichnungen bis heute üblich und werden vermutlich auch nicht mehr ersetzbar sein.

Was Köchel für Mozart (KV), wurde Wolfgang Schmieder für Johann Sebastian Bach (BWV), wurden Otto Erich Deutsch für Schubert (D) und Anthony von Hoboken, für Haydn (Hob.). Ihre thematischen Verzeichnisse haben sich etabliert und werden mehr und mehr zitiert. Gerstenbergs, Longos, Kirkpatricks Verzeichnisse der Scarlatti-Sonaten indes streiten sich noch um den Primat. Aber schon Kinsky/Halm für Beethoven oder die Verzeichnisse der Telemann-Gesellschaft haben es schwer, sich durchzusetzen. Wotquenne und Carl Philipp Emanuel Bach sowie Gluck, Terry und Johann Christian Bach, Falck und Wilhelm Friedemann Bach, Brown und Chopin, Cauchie und Couperin, Vallas und Debussy, Burghauser und Dvořák, de Witt und Palestrina, Schuberth und Schumann, Jurgenson und Tschaikowskij, Rinaldi und Vivaldi – ihre Kataloge gehören eher zur Systematik der musikwissenschaftlichen Forschung.

Denn wer außer der Ansagerin von Rundfunkprogrammen oder dem Redakteur von Programmheften, Schallplattenhüllen oder Konzertführern kann ein Interesse daran haben, eine Sonate D-dur von einer anderen in der gleichen Tonart zu unterscheiden? Was verändert es an der Musik eines Streichquintetts, ob es, 1782-zunächst als Bläser-Serenade komponiert, 1783 (KV 406) oder erst 1786/87 (KV 516b) umgearbeitet wurde?

Die jüngeren Komponisten haben der Nachwelt ein paar Sorgen erspart, indem sie ihren Werken Opus-Zahlen gaben. Johannes Brahms etwa bezeichnete zwischen der Klaviersonate C-dur (1852/53) und den "Vier ernsten Gesängen" (1896) 121 Werke mit solchen Nummern (op. 122 wurde erst nach seinem Tode eingereiht). Darüber hinaus existieren 38 komplette Werke ohne Opus-Zahl (WoO), 18 Bearbeitungen fremder Werke, 19 Varianten, Fragmente und Skizzen sowie 7 Zuschreibungen neben 21 eigenhändigen Abschriften. Schließlich wissen wir nicht nur, daß das pianistische Wunderkind Brahms für seine Konzertauftritte wie später der Tanzbodenspieler mit Selbstgeschriebenem beeindruckte, das vermutlich in den zwei "Kisten mit Jugendarbeiten" enthalten war, deren Inhalt irgendwann verbrannt wurde, sondern auch, daß Brahms später noch von Zeit zu Zeit seine Skizzen, angefangenen und nicht mehr goutierten Stücke stapelweise zu vernichten pflegte: "Viel zerrissenes Notenpapier habe ich zum Abschied von Ischl in die Traun geworfen" (12. Oktober 1890). Von 46 weiteren Werken haben wir zumindest Kenntnis, sie sind in Brahms’ Aufzeichnungen oder anderen Quellen erwähnt, waren entweder schon komponiert oder doch wenigstens geplant – trotzdem gibt es sie nicht (mehr).