Der Mann im signalroten Anzug, von dem ich später erfahre, daß er Lois heißt, sieht das Unheil kommen. "Steigen", ruft er, "steigen, steigen – aus der Spur!" Aber ich bin schon so verstiegen, daß ich Rückenlage bekommen und im nächsten Augenblick wie ein Käfer strampelnd unter der blauen Glocke über der herrlichen Wildschönau liege. Ich bin schon wieder im weißen Tief einer winzigen Mulde gelandet und denke zum erstenmal an diesem Morgen an Kapitulation. Doch da kommt der Lois schon herangefegt, packt mich nicht wie ein knackig-sportiver Skilehrer, sondern wie ein gütiger Christopherus und spricht die aufrichtenden Worte: "Moch’s noch oinmol, Christion!"

Noch einmal wollte ich’s in der Tat machen: das Skilaufen lernen. Vor genau zwanzig Jahren, als 25jähriger eingeborener und eingeschworener Flachländer, hatte ich die Exkursion in die weiße Exotik und den beschwerlichen Aufstieg zu meinem ersten Idiotenhügel gewagt. Der überraschende Erfolg dieses ersten Anfängerkurses machte mir Mut – und Übermut. Beim Skiurlaub im nächsten Jahr brach ich mir, noch vor Beginn des neuen Kurses, den Knöchel. Aus war der kurze, weiße Traum. Die höchsten Gipfel, die ich in den folgenden Jahren bestieg (auch nur, weil ich an ihrem jeweiligen Fuß lebte), waren der Hradschin in Prag, der Leopoldsberg in Wien, die Leninhügel in Moskau.

An einen Winterurlaub begann ich überhaupt erst wieder zu denken, als mir nach meiner Rückkehr in die Bundesrepublik die kalten, klaren Frosttage Moskaus fehlten. Meine Freunde rieten mir zum Ski-Langlauf. Aber gerade der hatte mir in Rußland unvergleichliche Ausflüge in tiefverschneite, unberührte Dörfer beschert: Vom Langlauf durch westliche Wintersportorte und über abgesteckte Loipen fürchtete ich enttäuscht zu werden.

Also entschied ich einsam, mich mit 45 Jahren noch einmal als Greenhorn unter die alpinen Halbgötter im Weiß zu wagen. Mit der Devise: Du sollst nie aufhören anzufangen und nie anfangen aufzuhören, beschloß ich, meinen Hang zur Tat und meine Tat am Hang wenigstens auf die Grundlage einer rutschfesten Lebensphilosophie zu stellen.

Mein Tatort: Auffach, ein zauberhaft gelegener Flecken am Ende des Tiroler Hochtals Wildschönau zwischen Kitzbüheler Alpen und Wildem Kaiser. Auffach ist für Anfänger, Familien und Fortgeschrittene, die keinen Rummel mögen: Abfahrten für mäßige und für mittelklassige Ski-Sportler (mit einer FIS-Riesentorlaufstrecke für internationale Rennen); Pisten, die noch den beschaulichen Pausenblick auf Alpach und den Wilden Kaiser, auf das Kitzbüheler Horn, den Großglockner und die Zillertalbergspitze erlauben; eine ungewöhnlich gastfreundliche, aber keine mondäne Welt; kein Ski-Zirkus, bei dem ich befürchten mußte, als dummer August über die Pisten zu purzeln.

Nein, ganz im Gegenteil. Im entspannten Auffach wurden mir noch am ersten Tag in aller Gemütsruhe goldene Berge verheißen. "Von da oben", beschwichtigte mich zur Begrüßung Rudi Haas, dessen Pension wegen ihrer Sammlung alter und neuer Tiroler Bauernmöbel geradezu Museumsrang hat, "von da oben kommen Sie Ende der Woche schon ganz leicht herunter, bestimmt, Herr Schmidt." Mit "da oben" meinte er die fast 2000 Meter hohe Schatzbergspitze.

Ich schaute in die schwindelnde Höhe und hielt den Wirt für einen bezahlten Agenten der Fremdenverkehrswerbung, Abteilung lockere Durchhalteparolen und optimistische Desinformation. Aber ich tat ihm unrecht, um es vorwegzunehmen: Nach fünf Tagen stand ich wirklich oben und kam auch heil, ja – wenn ich mir die übrigen Pisten-Mitbenutzer wegdenke – sogar schwungvoll herunter. Die Tage zuvor und der Weg hinauf freilich waren, wenn schon nicht mit Steinen gepflastert, so doch mit Bauch-, Becken- und Steißlandungen, Kniefällen und Rutschpartien, Schnee-Pflugscharen und Muskelkatern prächtig ausgefüllt. Doch Spott beiseite – die Sache hat mir soviel Spaß bereitet, daß ich zögernden Flachlandbewohnern meiner Jahrgänge, die eigentlich doch ganz gerne erst mal zu den Brettern greifen und ein paar Bögen ’rausbekommen möchten, versichern kann: Mein spätes Kriterium für den ersten Schnee lautet: "Mach’s noch mehrmals, Christian!"