Gelegentlich kann man sie noch sehen, in äl-.teren, nicht "sanierten" Stadtvierteln: Männer um die Sechzig im abgewetzten Anzug, mit Einkaufstasche und einem steifen Bein; störrisch und einsam schlurfen sie über den Asphalt. Bewußt nehme ich sie erst wahr, seit ich Martin Grzimeks Roman "Berger" (1980) gelesen und dabei Johannes P. kennengelernt habe. P. ist Angestellter einer Versicherungsgesellschaft, er hat mit Zahlen und Summen zu tun. Manchmal schleust er kleine Fehler in die Kartei und freut sich über die Unordnung, die so entsteht. An dem Tag, als er einen größeren Coup in die Wege geleitet hat, fährt ihn beim Verlassen der "V-Gesellschaft" ein Lastwagen an. Sein linker Arm wird amputiert, sein rechtes Bein bleibt steif. P. klagt nicht; er will kein Mitleid.

Von der "V-Gesellschaft" zwangspensioniert, verliert P. den letzten Kontakt zur Außenwelt. Wochenlang verläßt er seine düstere Zwei-Zimmer-Wohnung nicht. Er ernährt sich von Konserven und Bier; das Radio läuft unentwegt. Ab und zu blättert er in den Bänden einer Enzyklopädie. Seine Lage ändert sich erst, als ihn finanzielle Schwierigkeiten zwingen, ein Zimmer zu vermieten. Er sitzt im Dunkeln und lauscht den Schritten des Studenten Berger im Flur, stellt sein Radio genau auf den Sender ein, den Berger nebenan hört. P. spioniert seinem Untermieter nach, lauert ihm auf. Langsam entwickelt sich, von Grzimek subtil, mit überraschenden Bildern und Einfällen inszeniert, eine zaghafte Freundschaft, die freilich an P.s Ausschließlichkeitsanspruch zerbricht. Von Berger verlassen, schwankt P. in der Dämmerung durch die Wohnung. Er verschwindet, hinterläßt aber Aufzeichnungen, mit deren Hilfe Berger den Roman erzählt.

Eine unglückliche Liebesgeschichte. Mit Johannes P. hat Martin Grzimek eine un-heimliche Gestalt erfunden, deren Schroffheit und scheuer Reiz an Becketts einsame Figuren erinnern; die gelegentlich in den diskursiven Text eingefügten Zitate aus P.s Aufzeichnungen sind von sprunghafter Bildlichkeit. Solange P. sich stolz verweigert, solange Furcht vor den anderen und der Schrei nach Nähe seine Tage bestimmen, ist "Berger" ein effektvoll konstruiertes, durch Detailgenauigkeit faszinierendes Erstlingsbuch. Im letzten Drittel aber, als P. "weich und nachlässig" wird, verliert der Roman seine subversive Kraft. Der vorher so fremde Blick P.s wird, dem als mitläuferhaft beschriebenen Leben der Studenten um 1972 angepaßt, farblos und konventionell. Berger und seine Freundin ("das Mädchen") sind harmlose Junge-Leute-Klischees. Von Verrücktheit, Glanz und Elend der Studentenrevolte hat Grzimek wenig begriffen.

Der Autor, der Philosophie und Literaturwissenschaft studiert hat, ist zuerst durch Aufsätze über Walter Benjamin und Rolf Dieter Brinkmann hervorgetreten. Die Beschäftigung mit Brinkmanns später Lyrik, dem zerfetzten Simultangedicht, hat Grzimeks Entscheidung für die Literatur (und gegen die Wissenschaft) beeinflußt. Gleichwohl ist in seinen Büchern von Brinkmanns vitalem Zugriff und der offenen "chaotischen" Textstruktur nichts bemerkbar. Ja man hat den Eindruck, als schriebe Grzimek mit gradlinigen parabelhaften Handlungskonstrukten gegen eine von Brinkmann ausgehende Bedrohung an.

"Stillstand des Herzens" (1982) umfaßt drei längere, kriminalistisch gebaute Erzählungen, die alle auf eine makabre Pointe – den (Unfall-)Tod – hinlaufen. Ein Wirtschaftsmanager auf Geschäftsreise gerät in einem labyrinthischen Nachtklub an eine Animierdame, die sich, als er ihr im Séparée in die Hose greift, als der ehemalige Liebhaber seiner Frau erweist – Stillstand des Herzens. Eine junge Frau will ihren Mann verlassen und verliert ihn und ihr Kind, während sie in der Stadt Einkäufe macht, durch einen Verkehrsunfall. Ein kinderloses Ehepaar verbringt seinen Urlaub auf einer einsamen finnischen Insel; am vorletzten Tag des idyllisch-unheimlichen Aufenthalts ertrinken beide beim Paddeln im See.

Grzimek treibt diese Durchschnittsmenschen mit einem anfangs an Kafka erinnernden Gestus in ausweglose Situationen. In das oberflächlich funktionierende Alltagsleben bricht etwas Grausiges ein, worauf die Figuren nicht vorbereitet sind, und sie werden – neurotische Puppen – vom Autor mit kaltem Blick, ohne mildernde Ironie weggeräumt. Die Motive sind eng verzahnt, jeder Handgriff gewinnt Bedeutung. Bevorzugtes Erzählmittel ist die schlimme Vorausdeutung; sie wird besonders in der mittleren (und schwächsten) Geschichte inflationär und überdeutlich eingesetzt. Folge solcher Planerfüllung: klischeehafte Adjektive, betulich-umständliche Wendungen und steife Mittelstandsdialoge am laufenden Band.

Grzimeks drittes Buch ist eine autobiographische Recherche, teils dokumentarische Spurensuche, teils stille Erzählung: "Trutzhain. Ein Dorf" (1984). Erkundet wird, in immer neuen Ansätzen, die belastende, verdrängte Geschichte eines unscheinbaren Orts in Hessen, in dem der Autor 1950 geboren wurde und aufgewachsen ist. Trutzhain, 1939 als Kriegsgefangenenlager errichtet, wurde 1945 Internierungslager, ein Jahr später zogen obdachlose Juden in die Baracken. 1948 siedelten sich Ostflüchtlinge an. Sie gründeten Handwerksbetriebe, arbeiteten mit selbstgebastelten Maschinen am Aufschwung des Dorfs. Die "Goldgräberstadt" wuchs. Doch mit der rasch voranschreitenden Industrialisierung konnten die Flüchtlingsbetriebe nicht mithalten. Trutzhain ist heute ein reiner Wohnort, der seine Identität eingebüßt hat.