Von Christian Graf von Krockow

Alle reden von Europa oder "bekennen" sich gar dazu. Leider gibt es Hemmnisse, natürlich immer bei "den anderen" oder bei den Brüsseler Bürokraten. Aber ist nicht auch unsere eigene, die schiere Unkenntnis im bösen Spiel? Was zum Beispiel wissen wir von den Niederländern, die uns räumlich doch so nah und neben Frankreich unser wichtigster Handelspartner sind? Nicht einmal kenntnisreiche Korrespondenten scheinen sie uns wert zu sein, sofern man von der rühmlichen Ausnahme der Neuen Zürcher Zeitung einmal absieht.

Doch jetzt könnte dem Übel abgeholfen werden. Ein Niederländer nimmt uns an die Hand, um uns sein Leben zu erklären:

Ernest Zahn: "Das unbekannte Holland – Regenten, Rebellen und Reformatoren"; Siedler Verlag, Berlin 1984; 336 S., 39,80 DM.

Rundheraus: ein Buch, das erfrischt und freudig stimmt, weil es klüger macht. Eine tiefdringende, fast möchte man von Anbeginn sagen: eine klassische Studie zur politischen Kultur unserer Nachbarn. Dabei in nüchternem, klarem Deutsch geschrieben, frei vom gewohnten begrifflichen Schwulst. Nicht zuletzt hilft es im vielfach angedeuteten Vergleich zur Selbsterkenntnis – so wie Helmuth Plessner es vom Emigranten gesagt hat, "wenn er die ganze Überlieferung, aus der heraus er wirkt, nicht wie die Heimat glaubt, durch die Brille der ihn freundlich beschützenden Fremde, sondern mit anderen Augen wieder entdeckt". Kaum zufällig entstand Plessners Buch über die verspätete Nation im holländischen Exil.

Um jedoch Zahn das Wort zu geben: "Die Geschichte der niederländischen Nation beginnt mit welterschütternden Protestbewegungen, mit Glaubensstreitigkeiten, bei denen es nie nur um den Glauben gegangen ist... Nicht also die Identifikation mit der Macht, sondern die Identifikation mit dem Widerstand gegen sie steht am Anfang der nationalen Überlieferung... Wir können auch sagen: Der Geist der Opposition, der Widerrede – der Geist von links, wenn man so will –, der in freiheitlichen Gemeinwesen kein Widersacher, sondern ein Wächter der Ordnung sein soll, ein Ferment im Prozeß ihrer Weiterbildung, hat in den Niederlanden nationale, religiöse und – wie wir noch ergänzen müssen – humanistische Traditionen. Lange vor der Französischen Revolution, die mit den Girondisten und Jakobinern die Geschichte der bürgerlichen Linken begründete, wurde in der politischen Kultur der Niederländer die Religion zur maßgebenden Instanz der Kritik an Staat und Gesellschaft, auch wenn man sich lange darüber stritt, welche Religion die wahre sei."

Im Grunde streitet man darüber bis heute, im Predigerstil, als Glaubensbewegung, im Kampf für die gerechte Ordnung. Kein Land weit und Weit, in dem der Bürgerprotest so zu Hause ist. Und "die gleiche beharrliche Leidenschaft, mit der einst Bibeltexte und religiöse Fragen erörtert worden sind, kann heute in den gesellschaftspolitischen Disputen beobachtet werden". So gesehen handelt es sich nicht um Säkularisation, sondern bloß um eine Umbildung des Konfessionalismus. Wie ein anderer Niederländer es einmal anschaulich ausdrückte: "Man versteht uns nur, wenn man weiß, daß wir alle Calvinisten sind. Unsere Katholiken sind Calvinisten, unsere Sozialisten und Atheisten sind es – und sogar unsere Calvinisten."