Von Gerhard Spörl

Wiesbaden, im November

Alle, die dabei waren, erzählen davon, wie menschlich-leise, ja wie bewegend es zugegangen ist, als das rot-grüne Hessenbündnis vorige Woche zerbrach. Die Protagonisten schienen, ganz unprofessionell, von schlechtem Gewissen beseelt zu sein und gaben es einander auch noch zu. Oder mußten sie übergeordneten Zwängen gehorchen? Von Tränen bei den Bündnisgaranten Holger Börner und Karl Kerschgens geht gar das Gerücht, und es läßt sich angeblich nur deshalb nicht beweisen, weil irgendwelche Kameraleute nicht auf Draht gewesen sind. Gesichert ist, daß der Ministerpräsident alles, was gesagt wurde, für die Nachwelt protokollieren ließ. Denn, so ein melodramatisches Börner-Wort: "Nichts wird wieder so sein, wie es war." Politik als Beziehungskiste: So trennen sich nur empfindsame Partner.

Aus diesem Stoff sind die Legenden, die jetzt durchaus nicht ohne Nebengedanken um das erste rot-grüne Bündnis – genauer: die Unterstützung einer SPD-Minderheitsregierung ohne Eintritt in das Kabinett durch die grüne Landtagsfraktion – gewebt werden. Die Emotionen schnöde vernachlässigt, lautet die Botschaft: Nicht im Chaos, wie es Mißgünstige wissen wollten, nicht, weil man überhaupt nicht mehr weiter wußte, hat man sich getrennt. Holger Börner ist denn auch weit davon entfernt, sich neue Partner, neue Koalitionen zu suchen. Er habe doch, so läßt er jetzt wissen, mit den Grünen Verabredungen getroffen. Daran würden die sich ja wohl trotz alledem halten, gab er Auskunft über seine Zukunftspläne.

Nur verschämt und deshalb um so wirkungsvoller ließ der verlassene Ministerpräsident anklingen, er sei enttäuscht. Er hat Grund dazu. Er ist beschimpft, verhöhnt, verleumdet worden, weil er es auf sich genommen hatte, sich von den Grünen wählen zu lassen und seine Regierungspolitik mit ihnen abzustimmen. Ursprünglich hatte er sich der Macht der Verhältnisse gebeugt. Ganz gegen seine eigene Erwartung fand er im Laufe der Zeit Spaß am unbequemen "Tolerierungsbündnis". Börner, der hoch von sich selber denkt, entdeckte seine pädagogische Aufgabe darin, die verirrten Bürgersöhne und -töchter, die er in den Grünen sieht, für die Republik und den Parlamentarismus zurückzugewinnen. Natürlich hat er auch daran gedacht, das rot-grüne Bündnis im Hessenland als Modell für eine Regierung diesseits der Union zu erproben. Damit ist es nun vorbei.

Die notwendigen Folgerungen für die Zukunft zogen die Sozialdemokraten gleich nach dem Bruch an Ort und Stelle. Es hatte sich gefügt, daß die SPD-Fraktionsvorsitzenden aus den Ländern ohnehin vorige Woche in Wiesbaden verabredet waren. Im nächsten Jahr stehen Landtagswahlen im kleinen Saarland, im großen Nordrhein-Westfalen und im symbolträchtigen Berlin an. Von Hessen läßt sich nach dem Willen der künftigen Wahlkämpfer lernen, daß die Grünen doch nur begrenzt lernfähig sind. Das Vorurteil scheint bestätigt: Die Grünen sind eben nicht politikfähig.

Auch dieses Urteil hat Holger Börner in diesen Tagen gefällt. Er wird es wiederholen, ohne erkennbaren Eifer und mit dem Unterton des Bedauerns. Er wird seinen Auftritt haben als Kronzeuge im Prozeß der SPD gegen die Grünen. Vor Hessen waren sie nicht mehr als ein Phänomen, ein erfrischender Außenseiter unter den alteingesessenen Parteien, denen aus vielerlei Gründen die besondere Gunst des Publikums galt. Den Stand der Unschuld haben sie verlassen. In Wiesbaden haben sie gezeigt, was sie können, was sie wollen und wer sie sind.