Eine Familiengeschichte lautet der Untertitel zu Christine Nöstlingers neuem Buch –

Christine Nöstlinger: "Olfi Obermeier und der Ödipus"; Oetinger Verlag, Hamburg; 174 S., 16,80 DM.

Aber das entspricht nicht gewohnten Erwartungen. Da sind die sieben Hausdamen Obermeier: eine Oma, eine Großtante, zwei Tanten, eine Mutter, zwei Schwestern. Ihnen allen ist Olf, Olfi, Olfile, Olferle, Olfilein, Olfgang, Wölfl ausgeliefert. Eigentlich heißt er Wolfgang. Seinen Vater kennt er nicht. Aber alle, die den Vierzehnjährigen gut kennen, meinen, er habe es sowieso dufte und Powidl in seiner family. Nur für ihn ist es einfach nicht wegzudiskutieren, daß er sich tierisch mies fühlt. Zum einen gibt es eine Latein-Mathe-Englisch-Krise. Zum anderen ist er in der Schule gegen seinen Willen an die Ulli Uliermann, genannt Erbswurstsuppe, geraten, die an ihm zunächst einmal hängen bleibt als Ullermann-Rucksack. Dann noch sein siebenzahliger Damenclan, der an ihm herumzieht und herumzieht. Jeder von ihnen meint es wohl gut mit ihm. Nur hat jeder der sieben mehr sich selbst und sein Leben im Blick als Olf, Olfi, ... So wird er zugeklatscht von übermütterlicner, vermeintlicher Zuwendung. Und überhaupt: Primär, sekundär und tertiär steckt Wolfgang in seiner entscheidenden Lebenskrise. Eine Zeitungsnotiz, die psycho-akut-Meldung, bringt die Begründung und die ganze Geschichte in Bewegung:

NEW YORK/USA

Das amerikanische Psychologenehepaar Dr. Marga und Dr. Dri Hiob Goldman haben in einer großangelegten Studie an 3000 Versuchspersonen bewiesen, daß Kinder, die ausschließlich von männlichen Personen betreut und erzogen werden, einen wesentlich höheren Intelligenzquotienten aufweisen als Kinder, die von Frauen betreut und erzogen werden.

Mit Hilfe von Nachdenkarbeit im Bad, mitgelauschten Gesprächen, Lexikon-Weisheiten und erschnüffelten Tagebuchnotizen seiner Mutter macht sich Ödipus-Wolfgang auf Vater-Recherche. Dabei lernt er Joschi kennen. Sie hat, wie sich bald zeigt, tatsächlich Probleme in ihrer Familie, "verstehensmäßig" und "schlagmäßig". So kommt zu der einen Familiengeschichte eine zweite hinzu, eine, in der Kinder keine Chance haben. Beiden wird von ihrer unmittelbaren Umgebung Verstehen und Hilfe verwehrt. Ihre einzige Hoffnung ist es, Wolfgangs Vater zu suchen und zu finden.

Mit erpresserischer Überredung gelingt es, Joschi von ihrem Vater zu befreien. Diese Tatkraft beweisen Wolfgangs Mutter und Vater (ein etwas verknittertes, etwas abgenutztes Duplikat oder die restaurierte Ausgabe seiner Person, meint Wolfgang glücklich) gemeinsam. Diese Erfahrung und Wolfgangs zarte Gefühle gegenüber Joschi öffnen einen Weg und neuen Anfang.