Von Paul Kersten

Ungebrochen war die Faszination, die vom Debüt ausging, nachhaltig ist die Irritation, die die Lektüre der neuen Erzählung von Ulla Berkéwicz hinterläßt. Mit "Josef stirbt" war der Autorin vor zwei Jahren eine eindringliche Prosa-Elegie gelungen, die das Sterben in seiner physischen Widerwärtigkeit, Sinnlosigkeit und tragikomischen Banalität beschrieb, eine Totenbeschwörung, die in der halluzinatorischen Intensität ihrer sprachlichen Mittel einen magischen Realismus erreichte, der unter den zahlreichen literarischen Todesannäherungen der letzten Jahre seinesgleichen sucht.

Auch der neue Prosatext "Michel, sag ich" ist eine Totenbeschwörung, ein visionärer Traumtrip ins Reich der Toten, phantasmagorische Suche einer Frau nach ihrem verlorenen Geliebten Michel. Der ist einst, wie viele junge Männer aus dem Dorf, in die Stadt gezogen zum solidarischen Kampf mit den Rebellen. weil Michel seit langem verschollen, vielleicht längst tot ist, macht auch die Frau sich auf den Weg in die Stadt, die sich als Frankfurt nach einer furchtbaren Katastrophe zu erkennen gibt. Apokalyptische Szenerie: verlassene Häuser in den vor Hitze glühenden Straßen, überall Leichen, mißgestaltete Kinder, Soldatentrupps, Erschießungskommandos. Doch unter der Stadt gibt es ein Reich der lebenden Toten, wo die einst ermordeteten Aufständischen die verhaßte Stadt untergraben und zum Einsturz bringen wollen. Im Untergrund lebt der Traum von einem neuen Leben weiter.

Wie einst Orpheus steigt die Frau hinab, voller banger Zuversicht, Michel zu finden. Der hatte einst, bevor man ihn niederschoß, verkündet: "Die Türme stehen vorm Licht, das Eis wächst hoch, der Wald bricht um, die Erde hat zu atmen aufgehört. Wir müssen in die Erde gehen, wir müssen graben, untergraben, was uns zerstört, muß weg, muß untergehen".

Ulla Berkéwicz erzählt die Reise ins Zwischenreich der lebenden Toten in einer auf Atemlosigkeit hinstilisierten, stark rhythmisierten Sprache und evokativen Bildlichkeit: "Wir gehen und gehen, kein Mensch geht da. Die Hitze sticht, die Farben sind verschossen, der heiße Wind treibt Altpapier".

Schade nur, daß der Autorin neben dem Thema der Wiedervereinigung mit dem verlorenen Geliebten so etwas vorschwebte wie eine parabolisch surrealistische Apotheose der gescheiterten revolutionären Studentenbewegung und ihrer anarchomilitanten Folgeerscheinungen, eine mystifizierende Verklärung der gescheiterten politischen Hoffnungen. Es sind nämlich, das erfahrt die Frau von einem Pfarrer, der als Totengräber die Leichen aus der Stadt in den Untergrund schafft, die Kinder der einstigen Revolutionäre, die bei dem Versuch, die utopischen Freiheitsträume ihrer Eltern zu verwirklichen, von den Soldaten einer anonymen Macht niedergeschossen worden sind. Im Totenreich jedoch sind sie nicht allein, denn: "Einmal, mit einem frischen Wind, kam einer auf, der Rudi hieß .. .". Diesen Rudi, halb Dutschke mit einem Loch im Kopf, halb Marat in der Badewanne, verehren die lebenden Toten als ihren ideologischen Propheten.

Die Vermischung von einfühlsam erzählter Suche nach dem Geliebten und pseudopoetischer Mythisierung zeitgeschichtlicher Ereignisse gibt dem Prosatext einen faden Beigeschmack. Moderne Variation der Orpheus-Sage (zum Schluß durchschwimmt die Frau, ohne sich umblicken zu dürfen, den Styx-Main) und visionäre Schau von Studentenrebellion und Terrorismus – das geht nicht zusammen.