Wer es kurz haben will, der soll nur den folgenden Satz lesen: Dieses Buch ist ganz groß. Wem das nicht genügt, der braucht eigentlich nur einmal zu blättern, und er ist sicher überzeugt. Es sei denn, er interessiert sich nicht für Spanien, seine Landschaften und das, was "der Spanier" dem Land unverwechselbar obendraufbaute: Die Burgen. Hinter den Pyrenäen spielte sich über siebenhundert Jahre ein dramatisches Ringen ab zwischen islamischen Mauren und christlichen Ritterheeren. Wo die Ritter während der Reconquista (Rückeroberung) wieder Fuß fassten, versuchten sie unüberwindliche Festungen zu errichten. Die heute noch stehen, sind großartige Monumente, aber auch Zeugen für jene Starrheit, die zwar die Mauren besiegen, deren Einfluß aber nicht ausmerzen konnte. Diese nie akzeptierte Durchdringung von Afrikanern und Europäern ließ die Spanier bis heute ein Bild von sich zeichnen, das, im Gegensatz zu den Realitäten, die "richtige" Abstammung und die "rechte" ritterliche asketische Gesinnung zum Maßstab des Handelns reifen ließ. Kastilien als Kolonialmacht über die anderen Provinzen, so extrem sehen es heute nicht wenige Spanier. Wer sich mit ihnen und Spanien einläßt, ist rettungslos fasziniert. Ganz offensichtlich erging es dem Photographen Reinhart Wolf, dessen brillante Photos eine kühle Interpretation illustrieren. Ein Meisterbuch, von dem auch Spanier, denen ich es zeigte, hingerissen waren. Wolfs Photos können begeistern und erschrecken. Er zitiert im Textteil eine interessante Nebensache, nämlich, daß er ein Bewunderer der spanischen Photographen Ortiz-Echagüe sei. Dessen Bilder sind, auch als Buch, im gleichen Verlag erschienen. Besonderes Vergnügen also für den Betrachter, bei gleichen Objekten die verschiedenen Umformungen im Bild zu erleben. Bewußt photographierte Ortiz-Echagüe sein Spanien in asketischen Bildern und in Schwarz-Weiß, übrigens das Spanien inclusive des einstmaligen Spanisch-Nordafrika. Wolfs Bilder hingegen brillieren in den kontrollierten Farben künstlicher Welten aus Licht.

N. D.