Auch letzten Endes mißlungene Bücher können wichtig sein, wenn andere Informationen nicht zur Verfügung stehen.

In diese Gattung der "Vorläufer" gehört ein Buch über sowjetische Photographie von 1917 bis 1940. Neunzehn Photographen werden darin vorgestellt, der älteste von ihnen 1870, der jüngste 1908 geboren. Jedem von ihnen ist ein biographischer Text beigegeben, alle zusammen vereint ein Vorwort, das für Westler etwas mühsam zu lesen ist, weil es lauter ungewohnte Delikatessen vorführt. Der Verfasser, Sergej Morosow, bleibt beim Schreiben verwirrenderweise stecken zwischen dem Sowohl-Alsauch. Wenn es zum Beispiel um die Leninsche Forderung nach Parteilichkeit des Photos geht, dann wird das sehr wohl als unumstößliche Richtungsgebung akzeptiert, aber andererseits finden sich einige Absätze später die Bekenntnisse von Alexander Rodcenko zitiert, dem die Form seiner Bilder ja nicht gerade unwichtig war. Und was für die Verfasser des Buches Isoliertheit bedeutet, das macht ein Klagesatz deutlich, man sei in den Standardwerken des Westens über Photographie-Geschichte nicht genügend gewürdigt. Schlägt unsereins aber in Newhalls Photogeschichte nach, dann ist das leicht zurechtzurücken. Alexander Rodcenko etwa kommt natürlich genügend oft vor, auch richtig gewürdigt, aber die Auswahl der Photos dort zeigt jenen Teil seiner Arbeit, der Photogeschichte gemacht hat. Im Gegensatz dazu beginnt das Kapitel Rodcenko im vorliegenden russischen Buch mit einem eher untypischen Bild: Eine Dutzendphotographie eines jungen Pioniers von 1930. Anscheinend eine Pflichtübung, doch werden dann die berühmten Bilderauch noch abgedruckt, allerdings unter Auslassung der experimentellen Photographien. Am Beispiel Rodcenkos kann nachvollzogen werden, wie, und vielleicht auch warum, Lücken des Buches vollzudenken wären. Bei allen anderen Photographen fehlt die Vergleichsmöglichkeit.

Die hat man allerdings, wenn das Buch unter zeitgeschichtlichen Aspekten betrachtet wird. Lenin ist da natürlich zitiert und abgebildet, mehrfach, aber Stalin sucht man so vergeblich wie Trotzki oder andere Größen. So ist dieses Buch letztlich leider nur zu sehen als Sichtbarmachung eines jetzigen isolierten Zustandes, ein von nationalen Absichten diktiertes Werk über Photographen, deren Abbild dann mißfällt, wenn sie aus der Zeitgeschichte zitieren, diese Zitate aber gerade nicht, oder noch nicht, oder wieder nicht, erwünscht sind.

N. D.