In der bayrischen Hauptstadt wächst die Kritik am Plan des Staates, das Gelände am ehemaligen Armeemuseum monumental zu verbauen

Von Helmut Schneider

Münchens prominenteste Ruine, der zwischen Hofgarten und Altstadtring einsam aufragende Kuppelbau des ehemaligen Bayerischen Armeemuseums, ist wieder einmal im Gespräch. Die lange Zeit heftig diskutierte Frage, ob man den Mittelteil des historischen Prachtbaues wie die von Bomben getroffenen Seitenflügel nach dem Zweiten Weltkrieg auch noch niederreißen sollte, hat sich inzwischen erledigt: Die Kuppel, von Amts wegen zum Baudenkmal befördert, bleibt erhalten. Das hatten alle, die der gar nicht bajuvarischen, viel eher wilhelminisch-preußischen Architektur nachtrauerten, schon immer gefordert, denn sie plädierten schließlich für die Wiederherstellung des ganzen Gebäudes, möglichst in den historischen Formen. Und eben darum geht es jetzt: Das Armeemuseum soll neu entstehen, in den ursprünglichen Ausmaßen und mit einer Fassade, die sich an die alte anlehnt. Die Bayerische Staatsregierung hat es so beschlossen.

Der Neubau wird nur zur Hälfte dem alten Zweck dienen. Der eine Flügel ist für das Haus der Bayerischen Geschichte reserviert, in der die kriegerischen Aktivitäten der wittelsbachischen Herzöge, Kurfürsten und Könige keine geringe Rolle spielen. Der andere wird die Bayerische Staatskanzlei aufnehmen, weil ihr das heutige Domizil zu klein geworden ist, aus welchen Gründen auch. Ein paar Amtszimmer mehr oder weniger, das kümmert allenfalls den Rechnungshof. Viel interessanter und von allgemeinem Interesse ist, daß der geplante Neubau wie schon der Vorgänger aus dem Jahre 1905 den Maßstab seiner Umgebung sprengt. Er ist schlicht zu hoch und zu breit.

Das ist – an einer Stelle im Gefüge der alten Stadt, die eine Störung der Proportionen nicht erträgt – schon schlimm genug. Es kommt aber noch schlimmer: Mit dem Wiederaufbau des Armeemuseums wäre ein fait accompli geschaffen, das jede weitere Planung in diesem Bereich behinderte und sinnvolle städtebauliche Lösungen wohl unmöglich machte. Denn es ist, von Absichtserklärungen abgesehen, noch gar nicht ausgemacht, was in der Nachbarschaft konkret passieren wird.

Im Augenblick spricht alles dafür, daß Nostalgie und staatlicher Repräsentationsdrang über das vernünftigerweise Wünschenswerte, das, nebenbei bemerkt, seit eineinhalb Jahrzehnten in Umrissen skizziert ist, gesiegt haben. Die guten Vorsätze sind längst vergessen und die Ansätze zu einer übergreifenden Planung auch. Der Landtag hat mit den Stimmen der CSU (gegen die der SPD) die erste Rate für den Neubau genehmigt, ein neuer Akt des Stadtzerstörung genannten Trauerspiels kann also beginnen. Und wie es bei Tragödien nun einmal ist, wissen die Handelnden nicht, was sie tun, denn niemand hat es ihnen gesagt. Die sogenannten Sachverständigen, auf deren Rat die Politiker angewiesen sind, haben nämlich auch nicht bemerkt, welche Folgen diese Entscheidung haben könnte. Und sie haben en sich nicht dagegen gewehrt, daß diejenigen, die beraten sein wollten, das Ergebnis der Beratung durch einen verbindlichen Beschluß vorweggenommen haben.

Anders als in der Antike, ging diesmal das Satyrspiel der Tragödie voraus. Autor und Regisseur: der bayerische Ministerrat, der einfach dekretiert hat, was zu tun sei. Vermutlich haben die städtebaulichen Gutachter, die nun nur noch prüfen sollten, ob in dem neu-alten oder alt-neuen Armeemuseum die Staatskanzlei und das Haus der Bayerischen Geschichte ausreichenden Platz fänden, vor der regierungsamtlichen Willenserklärung kapituliert – und ebenso die Obergutachter, die die Überlegungen der Gutachter zu begutachten hatten. Jedenfalls ist niemand auf den Gedanken gekommen, daß das Unternehmen zwangsläufig auf die Wiederherstellung der Situation um die Jahrhundertwende zulief, die damals schon einen Eingriff in bestehende Strukturen bedeutete und deren Kopie sich heute aus übergeordneten planerischen Gesichtspunkten verbietet.