Von Christine Brinck

Am 1. Juni 1943 schössen die Deutschen über dem Golf von Biscaya eine kleine Passagiermaschine ab, die sich auf dem Flug von Lissabon nach London befand. Kurz danach entstand das Gerücht, daß unter den 13 Personen an Bord mindestens vier das eigentliche Ziel des Abschusses hätten gewesen sein können. Einer von ihnen war Leslie Howard, der britische Filmstar, den Goebbels persönlich zum Reichsfeind erklärt hatte. Der zweite war zwar bloß Howards Buchhalter, er sah aber aus wie Churchill; er könnte die Deutschen irregeführt haben, denn der echte Churchill wurde in jenen Tagen aus Afrika zurückerwartet. Der dritte war ein englischer Geheimdienstoffizier, der ebenfalls abschußverdächtig war. Der vierte Mann blieb vorerst anonym.

Das Leben dieses mysteriösen Vierten, zu dem Leslie Howard vor dem Schicksalsflug gesagt haben soll: "Sie sind der Scarlet Pimpernel, ich habe ihn nur im Film gespielt", ist Gegenstand der jetzt in England erschienenen Biographie von

Naomi Shepherd: "Wilfrid Israel: German Jewry’s Secret Ambassador"; Weidenfeld & Nicolson, London 1984; 314 S., 12.95 Pfund.

Wilfrid Israel, 1899 geboren, war der Sohn einer englischen Mutter und eines deutschen Vaters, des Kaufhausbesitzers Berthold Israel. Die Eltern waren Juden; die Mutter kam aus einer Rabbinerfamilie, der Vater aus einer Familie von Händlern und Kaufleuten. Urgroßvater Israel hatte das berühmte Kaufhaus N. (Nathan) Israel am Molkenmarkt in Berlin gegründet, Urgroßvater Adler war der Oberrabbiner Englands. 1943 beschrieb die Times Wilfrid Israel in ihrem Nachruf als "englischgebürtigen deutschen Geschäftsmann, der eine prominente Stellung unter den Berliner Juden hatte, der sich bis zu seiner Abreise aus Deutschland für die Rettung jüdischer Kinder vor den Nazis eingesetzt hatte und der seine ausführlichen Deutschland-Kenntnisse der britischen Regierung zur Verfügung gestellt hatte".

Nach der Reichskristallnacht waren die Juden in Deutschland ohne Hoffnung: Fast alle hatten ihre Arbeitsplätze eingebüßt, die Kinder waren aus den Schulen geworfen worden, die zionistischen Ausbildungslager geschlossen, die Firmen (auch N. Israel) arisiert, der Besitz konfisziert, die Häuser enteignet, die jüdische Führung im KZ oder im Untergrund, das Ausland weitgehend verständnislos und unwillig zu helfen. Das aber war Wilfrid Israel. Mit Hilfe der Quäker und führender englischer Juden plante und leitete er den Exodus von zehntausend jüdischen Kindern nach England, rettete er 8000 junge Männer aus Konzentrationslagern in sogenannte Transit Camps in England und unternahm mit seinen Kollegen vom Jüdischen Hilfsverein alles, um Juden noch in letzter Minute aus Deutschland in alle möglichen Länder der Welt zu schaffen. Er entwarf einen Rettungsplan nach dem anderen. Die Engländer hatten gehofft, daß Amerika ihrem Beispiel folgen würde. Über britische Diplomaten versuchte Israel zu erreichen, daß die unbenutzten Plätze der britischen Einwanderungsquote nach Amerika den deutschen Flüchtlingen zugeschlagen würden. Die Engländer fanden das vernünftig und nur billig, doch der Vorschlag wurde von amerikanischen Diplomaten torpediert. Bis zum Ausbruch des Krieges hatten mehr als 10 000 Kinder (ohne Eltern) England erreicht, aber nur 438 gelangten nach Amerika.

Nach der Reichskristallnacht waren auch viele von Israels jüdischen Kaufhausangestellten in Konzentrationslager gekommen. Es gelang Wilfrid Israel, sie im KZ Sacnsenhausen aufzuspüren. Als er dem KZ-Kommandanten Hermann Baranowski durch einen Zwischenmann unbegrenzten Kredit im Kaufhaus Israel zusichern ließ, wurden alle Israel-Angestellten und noch einige andere Juden dazu aus Sachsenhausen entlassen. Wilfrid Israels Name war das Sesam-öffne-Dich von Sachsenhausen.