Britische Luxusherbergen bieten betuchten Gästen alte Geschichte und neue Gerichte

Von Ernst Hess

Nehmen wir einmal an, Sie leben nicht von der Sozialhilfe, haben auch sonst einen guten Geschmack und sogar ein wenig mehr Zeit als die meisten Ihrer Freunde. Wenn Sie dann noch den Duft englischer Teerosen dem südlichen Urlaubsgemisch von Niveaöl und Abwasser vorziehen, dann sind Sie auf "Hambletor. Hall" gut aufgehoben.

Walter Marshall, ein steinreicher Bierbrauer, verliebte sich 1881 in die sanfte Hügellandschaft der Grafschaft Leicester, was glücklicherweise nicht ohne Folgen blieb. Der Blick aus einem der Fenster des Schloßhotels hinunter zum See gehört vielleicht zum Schönsten, was England zu bieten hat. Das will etwas heißen, denn schließlich gibt es den klassischen Süden, Cornwall, Kent oder die Cotswolds. Aber Hambleton verdeutlicht "british countryside" mehr als jedes noch so tiefschürfende Essay. Hingehaucht für den Augenblick der Erinnerung umschließen Park und See das luxuriöse Landhaus im Neo-Elisabethanischen Stil, wilder Lavendel wuchert über bemooste Mauern und betäubt die Sinne. Marshall war nicht der erste, der dem bukolischen Zauber Rutlands erlag. Schon vor ihm hatten der Prince of Wales und seine Dandys das Jagdschloß Melton zum Hauptquartier wilder Fuchsjagden und anderer exzentrischer Späße gemacht, auf Burghley House, Rockingham oder Belvoir Castle vergnügte sich britischer Hochadel bester Provenienz.

Leicestershire spiegelt vielleicht das Bild, das wir von England haben, am treffendsten wider, trotz Tower Bridge und Big Ben. Dabei ist nichts spektakulär, eher klein und graziös im Detail. Hier ein Tudorschloß mit gebrechlichen Giebeln und Türmchen, dort eine zerstörte Abtei aus normannischer Zeit hinter Hecken aus Eiben, Weißdorn und wilden Rosen. Die großen Ulmen hat der Wind geformt, bis eine rätselhafte Baumkrankheit das große Sterben einläutete. Fast ist man Eleu, Misteln und anderen Schmarotzern dankbar, daß sie sich der toten Riesen angenommen haben. So bleibt es bis in den Herbst hinein beim satten Grün in allen Schattierungen, wie es Turner und Constable so gern gemalt haben.

In den Salons von Hambleton Hall setzt sich das Farbspiel von draußen fort. Die Wände sind in delikatem Hellgrün oder Blaßgelb gehalten, die üppigen Sitzmöbel mit Farbmustern und altrosa Chintz bezogen. So enden Park und Garten nicht an den Mauern, sondern ziehen sich durchs ganze Haus, wie es gute englische Tradition ist.

Gills Entenbrust