Von Kanzeln und Altären wird bald wieder viel über die christliche Botschaft der Liebe zu hören sein. Und wieder werden die Kirchen ihre Besucher kaum fassen können. Die abendlichen oder nächtlichen Gottesdienste werden sie mit altbekannten Liedern, mit Kerzenschimmer und Weihrauch begehen, um die Geburt Christi zu feiern. Für viele Besucher gehört die Teilnahme an der Weihnachtsliturgie zum traditionellen Ritual eines "runden" Festes, so wie auch die Tanne im Wohnzimmer, der Karpfen oder die Gans auf dem Tisch und das Stille Nacht von der Schallplatte. Dies mag jene statistisch ermittelte Minderheit des Gottesvolkes denken, die sich an den übrigen Sonn- und Feiertagen in ihren Kirchenbänken recht einsam vorkommt.

Wollen jene Nur-Weihnachts-Kirchgänger wirklich allein ihren Kindheitserinnerungen nachhängen, ihr Herz bloß rühren lassen von Gesang und Tannenduft? Oder wären sie nicht auch offen dafür, sich jene zum Christfest allgegenwärtige Zauberformel von der Liebe zueinander neu erschließen zu lassen?

Liebe ist ein inflationäres Wort, belegt mit den unterschiedlichsten, gefühlsbetonten Inhalten. Darum fällt es nicht wenigen Seelenhirten wohl auch so schwer, am Hochfest der Liebe vom abstrakten Begriff wegzukommen und das vor fast zweitausend Jahren gesetzte Beispiel in unserer Sprache, für die Situation unserer Zeit zu deuten. Liebe wird häufig allein als gottgewollte Aufgabenstellung gepredigt, die – so fühlt der verunsicherte Kirchenbesucher – viel zu hoch angesetzt ist, als daß man sie in menschliche Dimensionen ummünzen könnte. Kein Wunder dies, denn wenn es ihm widerstrebt, seinem wildfremden Banknachbarn die Hand zum Friedensgruß zu reichen, wie könnte er dann noch begreifen, weshalb er diesen Menschen, der penetrant nach Festtagszigarre und Magenbitter duftet, auch noch lieben soll?

Wieviel sinnvoller wäre es, wenn der Prediger seine theologischen Abstraktionen beiseite ließe, in die irdischen Niederungen hinabstiege und sich bewußt machte, daß ihm da lauter Menschen mit den verschiedensten Problemen zuhören (zielgruppenorientiert arbeiten, heißt das heute). Etwa der Familienvater, dem nach vielen Ehejahren seine zänkische Ehefrau allzu vertraut und deshalb fremd geworden ist. Oder die Zwanzigjährige, die sich in ihrem Leben noch weniger zurechtfindet, seit ihr ein Therapeut geraten hat, sie solle den ganzen Frust auf ihren Vater abladen, denn dieser sei ursächlich für ihre Komplexe. Oder der Lehrer, der einen aufsässigen Schüler, welcher ihn bis auf das Blut quält, am liebsten prügeln möchte. Schließlich der Kommunalpolitiker, der seinen Erzrivalen von der anderen Partei dort drüben in der vorderen Bankreihe sitzen sieht und sich ärgert, weil dieser Heuchler ja doch nur zum Zwecke des Stimmenfanges in die Kirche gehe.

Alle diese Menschen sollten ihren "Problemfall", also ihren Nächsten, lieben können: der Ehemann seine streitsüchtige Frau, die Zwanzigjährige ihren Übervater, der Lehrer sein tagtägliches Trauma und der Politiker seinen vermeintlich heuchlerischen Rivalen?

Jesus hat seinen Gefährten von Bildern strotzende Gleichnisse erzählt, um ihnen deutlich zu machen, was er unter Liebe versteht. Er war ein hervorragender Kommunikationspraktiker, denn seine Lehren breiteten sich, trotz Fehlens technischer Übertragungsmittel, innerhalb weniger Jahre gleich einem Steppenbrand aus. Für unsere Ohren hingegen klingen die biblischen Geschichten oft wie Märchen aus dem Morgendland: reizvoll zwar, doch fremdartig und fernab jeglicher Realität. Aber die christliche Urbotschaft will auch die nachfolgenden Generationen fordern, also jeweils die Gegenwart durchdringen. Deshalb müßte sich vieles daraus eben besser in unsere Begrifflichkeit übertragen lassen. Das ist kein neues Problem, stellt sich aber immer wieder von neuem. Ist es in einer säkularisierten Welt überhaupt noch zu lösen?

Vergleicht man die redlichen Bemühungen vieler Christen etwa mit den Strategien von Politikern oder Werbetreibenden, so fällt einem das Unterscheidungsmerkmal der Tätigkeit von Heimwerkern und Profis ein. Gegen diesen leichtgewichtigen Satz ist sicherlich einzuwenden, die christliche Verkündigung sei eben kein politisches Programm oder eine Ware, die sich Wahl- oder Marktgesetzen anzupassen habe; ihr Inhalt erschließe sich Menschen guten Willens von selbst.