Der Hang der Deutschen, alles "rechtlich" abzusichern und ideologisch zu überdachen, hat verhängnisvolle Folgen

Von Hanno Kühnert

Wer tagelang hintereinander Bücher überden Nationalsozialismus und die Verderbnisund Verbrechen der Deutschen in dieser Zeit gelesen hat, wer den Berg von Schriften über mangelnde Aufarbeitung, ja Gleichgültigkeit, Abwehr oder Verdrängung deutscher Untaten in der Nachkriegszeit studiert hat, der kann von so tiefer Depression, von immer wiederkehrendem Entsetzen und von bitterer Scham befallen werden, daß er kaum noch zu einer kühlen Rezension fähig ist. Dabei muß er es loben, für sich und seine Mitbürger froh sein, daß der Damm endlich, nach vierzig Jahren, gebrochen scheint: daß sich genügend engagierte und fleißige Autoren finden, die die mühevolle und zutiefst deprimierende Knochenarbeit des Quellenstudiums, der undankbaren Recherche und der auch sprachlich schwierigen Wiedergabe des Entsetzlichen auf sich nehmen.

In der Tat gibt es jetzt mehr gute, detaillierte und unverhohlen, unbeschönigt darstellende Bücher als früher. Sie alle sind notwendig und deshalb willkommen, auch wenn sie uns unfaßbar Entsetzliches nahebringen. Denn die Geschichte der Wahrnehmung unserer braunen Volks-Vergangenheit ist fast so beschämend, wie diese grausig ist: Irgendwann endlich müssen wir uns den Nazismus vor Augen führen, ihn begreifen, ihn abtrauern, und das geht nur mit einer Information, die dem Gegenstand entspricht.

Schon 1979 hat die Redaktion einer kleinen, aber hoch angesehenen linksliberalen Fachzeitschrift, der Kritischen Justiz, einen ersten Sammelband ihrer Aufsätze und Betrachtungen über die juristische Seite des Nationalsozialismus herausgebracht: "Der Unrechts-Staat. Recht und Justiz im Nationalsozialismus". Das gute Echo ermutigte die Redaktion, jetzt den zweiten Band folgen zu lassen: "Der Unrechts-Staat II". Die wissenschaftlichen Aufsätze beschäftigen sich weniger als im ersten Band mit den juristischen Formen der NS-Herrschaft, sondern mehr mit ganz konkreten Erscheinungsformen der Nazi-Justiz, mit ihrer theoretischen Fundierung etwa durch Carl Schmitt, mit dem Verhalten des Deutschen Richterbundes 1933, mit der "Rassenmischehe", der Diskriminierung und Entrechtung der Juden.

Neben Besprechungen von bisher erschienenen Büchern über das Thema bringt der Band einen großen Aufsatz über die juristische Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik: "Der Volksgerichtshof vorm BGH", eine Betrachtung über das Ermittlungsverfahren gegen Richter und Staatsanwälte am Volksgerichtshof, und auch "die Vergangenheitsbewältigung im Anwaltsstand" wird nicht ausgespart. Ein vor allem wegen seines kühlen Gebrauchs des juristischen Handwerkzeuges unbequemer Band.

Ein ähnlich vielsagendes, noch weit ausführlicheres und die juristische Bürokratie widerspiegelndes Werk ist der fast 600 Seiten starke Quellenband des früheren Bundesverfassungsrichters Martin Hirsch, der Professorin Diemut Majer und des Wissenschaftlers Jürgen Meinck: "Recht, Verwaltung und Justiz im Nationalsozialismus." Es handelt sich nicht nur um "ausgewählte Schriften, Gesetze und Gerichtsentscheidungen von 1933 bis 1945", wie der Untertitel sagt, sondern auch um sehr geschickt ausgewählte Konzentrierte Kernstücke der bundesrepublikanischen NS-Literatur, etwa der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Die Texte aus dem "Dritten Reich" werden von den drei Herausgebern aneinandergeknüpft und erläutert.