Von Susanne Mayer

Wie konnte sich Virginia Woolf nur so irren? "Das Buch muß irgendwie dem Körper angepaßt sein," schrieb sie 1928 in ihrem Trat tat über Frauen und Literatur, "und auf gut Glück würde ich sagen, daß die Bücher von Frauen kürzer, konzentrierter sein sollten als die von Männern ..."

War das schon hinsichtlich der großen Frauen der englischen Literatur – Jane Austen, George Eliott, die Bronte-Schwestern – eine gewagte Behauptung, in bezug auf Doris Lessing ist sie völlig falsch. Zwar ist richtig, daß auch Doris Lessing einige jener der Form nach zumindest handlichen Bänachen produziert hat, die sich als schlankes Accessoire in jede Damenhandtasche einfügen. Doch bekannt wurde sie, als sich Frauen aller Länder durch 600 Seiten des "Goldenen Notizbuchs" gekämpft hatten – unbekümmert der Mühsal, dieselben Geschichten der fiktiven Autorin Anna Wolf immer wieder in ihren verschiedenen, ja verschiedenfarbigen Notizbüchern gespiegelt zu sehen; von Konzentriertheit also keine Spur.

Das, was viele Kritiker so gern als das Hauptwerk der Autorin gesehen hätten, die autobiographisch gefärbte Pentalogie über "Die Kinder der Gewalt" hat uns der Klett-Cotta Verlag gerade in 3000 Seiten Stärke in die deutschen Bücherregale gewuchtet; allein der jüngst eingetroffene Band "Die Viertorige Stadt" umfaßt knapp 1000 Seiten. "Das ‚Goldene Notizbuch‘ und ‚Die Viertorige Staat‘ sind weniger Romane als Pythons", hat sich ein amerikanischer Kritiker vor einigen Jahren im New York Times Book Review geärgert. "Wir sehen die Gedankenklumpen während des Verdauungsprozesses. Die Gefräßigkeit und das Verschlingen haben ästhetische Verzerrungen hervorgerufen", geiferte er.

Was jenem Herrn am Gedankengut der Doris Lessing so unverdaulich erschienen ist, mag vielen heute noch weniger schmecken, wenn es ihnen in Form der mittlerweile ebenfalls auf fünf Bände angeschwollenen "Canopus"-Serie vorgesetzt wird. Die Geschicke unserer Erde, wie über Millionen von Jahren von der gütigen kosmischen Macht Canopus observiert und archiviert, hat uns der S. Fischer/Goverts Verlag serviert, dazu das Archiv eines anderen Sterns, dessen soziales Klima sich merklich verbesserte, nachdem eine übergeordnete Macht die Menschen dreier getrennter Zonen zur polygamen Ehe gezwungen hat.

Auch soll der Fischer-Verlag entschlossen sein, womöglich noch im nächsten Jahr weitere Archive vom Stern Canopus dazuzustapeln. Was noch? fragen sich selbst eingefleischte Lessing-Fans leicht entnervt, nachdem sich schon die Aufzeichnungen einer angeblich anderen Autorin – "Das Tagebuch der Jane Somers" – als dem Werke Lessings zugehörig entpuppt haben. Wenigstens schreibt sie wieder über Frauen, mögen derweil andere dankbar gedacht haben, nachdem sie die Geschichte der englischen Modejournalistin Somers und ihrer wachsenden Freundschaft, zu einer alten Lady gelesen haben – und das auf nur knapp dreihundert Seiten!

Trotzdem – eine "Frauenschriftstellerin" ist Doris Lessing nie und nimmer, und das nicht nur, weil sie wie jede vernünftige Autorin diesen dummen Begriff für sich ablehnt. Literatur läßt sich schließlich nicht, wie die feministische Literaturkritikerin Mary Ellmann einmal grimmig bemerkte, wie eine öffentliche Toilette in einen Bezirk für Frauen und einen für Männer absperren. Auch hat Doris Lessing ihren Stil absichtlich so geändert, daß er nicht mehr in den Kategorien zu beschreiben ist, die spätestens seit Virginia Woolf eine Art von Diktat über manche Autorinnen ausgeübt haben.