Hans Hellmut Kirst: Eine deutsche Karriere

Von Willi Winkler

Im Sommer habe ich ihn gesehen, beim Münchner Filmfest. Er ging plötzlich vor mir her, grüßte niemanden; er gehörte nicht dazu. Dann der unauffällige Anzug, das braune Hemd offen, keine Krawatte. Die Haare, wie von den Bildern bekannt, streng zurückgekämmt. In der Linken eingerollt den Spiegel. Auf der Straße, das habe ich auch beobachtet, erkennt ihn niemand, obwohl sein Photo auf jedem seiner Bücher zu finden wäre.

Ist von Unterhaltungsliteratur die Rede, dann sind den Kritikern (ungelesen) Simmel und Konsalik geläufig. Kirst kennt keiner; er scheint nicht einmal mehr argumentativ gegenwärtig. Auch in der Münchner Society, über die er doch so oft schreibt, ist Kirst nicht existent. München leuchtet ohne ihn, weil er viel zu scheu ist für die permanente Anwesenheit bei Opernfestspielen, Käfer-Empfängen und P-l-Partys. Ja, in Hans Hellmut Kirst hat die deutsche Literatur einen richtig amerikanischen Schriftsteller, einen Wortfacharbeiter, der sich jeden Abend einsam an den Schreibtisch setzt und das tut, was er nicht lassen kann: schreiben. ("Ich kann nicht anders!")

Für diese Arbeit lebt er von der Familie getrennt. In der Stadtwohnung geht er seinem Beruf nach, aufs Land zieht es ihn nur in Schreibpausen. Zum täglichen Pensum gehört auch der Kinobesuch; ein Tag ohne Film ist für ihn ein verlorener Tag. Im ZDF bringt er manchmal den "Ratschlag für Kinogänger" und ist damit vielleicht noch am ehesten bekannt. Das Kino stammt aus der Zeit, als Kirst beim Münchner Merkur war und dort Filmkritiken schrieb. Tagsüber im Feuilleton beschäftigt, kam er erst abends dazu, der selbstbestimmten Berufung zu folgen.

Er ist Tierfreund, hat für seine Lieblinge einen Teil seiner Honorare bestimmt, in Polen und Israel ganz auf Tantiemen verzichtet, der Stadt München eine Ludwig-Thoma-Medaille gestiftet und ihr seine Expressionisten-Sammlung versprochen. Das Buch seines Lebens, so spannend es vielleicht wäre, will er nicht schreiben. Da er sein Privatleben weitgehend geheim hält, weiß man nicht, wieviel davon in die Romane eingeht.

Er ist am 5. Dezember 1914 in Ostpreußen geboren, wo er als Sohn eines Landgendarmen in einem deutschnationalen Milieu aufwuchs. Nach dem Ersten Weltkrieg war Ostpreußen durch den polnischen "Korridor" vom Deutschen Reich abgetrennt worden; die Enklave sah sich auf sich gestellt und reagierte erst mit Verspätung auf Vorgänge im westlichen Deutschland. Für Kirst, das hat er mehrfach in seinen masurischen Büchern beschrieben, kam der Nationalsozialismus über Nacht; er war plötzlich da und zerstörte ein Paradies.