Von Barbara Frischmuth

Es gibt nur eine Sorte von Bröseln, die mich von vornherein und so gut wie immer kalt läßt: Semmelbrösel. Ich meine jene mit der Hand geriebenen oder maschinell erzeugten, in Karton oder Papier verpackten, die man an der hintersten Stelle des Kücnenregals aufbewahrt, um sie notfalls zur Hand zu haben, wenn man sich wirklich einmal die Mühe machen sollte, etwas zu panieren.

Die anderen Sorten von Bröseln, vor allem jene beiläufig beim Verzehr von Semmeln, Kipferln, Wachauer Laiberln, Kümmelweckerln, Salzstangerln und schlichtem Brot entstehenden, aus unachtsamen Händen und zuckenden Mundwinkeln auf Tisch und Boden rieselnden Brösel sind ein genaues Barometer für meinen Gemütsstand (ausgenommen natürlich alle jene Brösel, die anstandslos auf den dafür bereitgestellten Teller fallen und meinem seelischen Gleichgewicht nichts anhaben können).

Dabei gibt es Tage, an denen ich einen Gast zum Beispiel – das heißt, einen Gast fast immer – in aller Ruhe beobachten kann, wie er einen Teil des zugegebenermaßen reschen Gebäcks – frisches Gebäck hat nun einmal resch zu sein – in Form von schuppenartigen Partikeln verschiedenster Größe sacht an sich herniederschneien läßt, wie er die etwa an seinen Fingern haften gebliebenen letzten Krümel dann noch mit einer spielerischen Geste unter den Tisch stäubt, ohne daß der Wolf in mir die Ohren anlegt, geschweige denn knurrt oder heult. Ich warte also gelassen, bis die Mahlzeit zu Ende, ja der Gast aus dem Haus ist, um dann die ganze Schweinerei mit einem extra dazu angeschafften kleinen Reisigbesen, denn nur der ist einem Spannteppich gewachsen, ab- und aufzukehren, und wundere mich höchstens darüber, noch immer in voller Gelassenheit, was ein einzelner Mensch mit einem einzigen Stück Gebäck alles anstellen kann.

Und oft vergehen Wochen, in denen ich täglich – sage und schreibe: täglich – die habituelle, ja geradezu provokant auf mich gemünzte Bröselei meiner Tischgenossen derart souverän toleriere, daß ich vor mir selber Respekt bekomme. Ich habe dann auch die Größe, es rührend zu finden, wenn jemand, der sich gerade bei seiner unverschämten Bröselwirtschaft ertappt hat, versucht, die Brösel mit der einen Hand auf die andere zu schieben und sie so auf den Teller zu befördern, wobei selbstredend der größte Teil auf den Boden oder zurück auf den Tisch fällt. Aber immerhin, der bekundete gute Wille ist eine Andeutung von Verständnis.

Wir haben nun einmal alle unsere Eigenheiten, sage ich mir an jenen guten Tagen und versuche, es als eine solche gelten zu lassen, wenn das neben mir sitzende männliche Kind sein zu streichendes Brot grundsätzlich vom Teller nimmt, es auf dem nicht dafür hingelegten Tischtuch bearbeitet und dann beim Essen traumverloren den Teller zur Mitte des Tisches hinschiebt, damit sich nur ja kein Brösel auf ihm verfängt. Übrigens eine Unart, die seinerzeit schon vom Vater praktiziert wurde und nun auf eben diesen Sohn übergegangen ist.

Ich denke dann voller Selbstbescheidung an meine persönliche Art, Mineralwasserflaschen, Marmeladengläser, kurz alles, was einen Drehverschluß hat, immer nur andeutungsweise zuzuschrauben, weswegen schon einige dieser Flaschen und Gläser auf dem Fliesenboden zerschellt sind. Wobei ich zu meiner Rechtfertigung sagen muß, daß ich selbst natürlich nie auf me Idee käme, ein Gefäß an seinem Schraubverschluß hochzuheben.